Julio Camba: Ich tauge nicht zum Deutschen

Beobachtungen eines Spaniers in Deutschland 1912–1914

Leseprobe


Im Land der Schilder

Deutschland ist das Land der Schilder. Unterhalb von Lichtschaltern sind gewöhnlich Schilder zu sehen, auf denen »Licht« steht; Klingeln haben im allgemeinen Schilder, auf denen »Klingel« zu lesen ist. Würden die Deutschen sich Englands bemächtigen, sie würden zunächst an alle Dinge Schilder hängen, und erst nachdem sie in aller Einvernehmen die Gegenstände und Personen etikettiert hätten, würden sie ihre Herrschaft als gesichert betrachten.

— Personen? Sehr wohl, mein Herr, Personen. Selbstverständlich hängen die Deutschen nicht an jedermann Schilder, auch wenn sie sicherlich Lust dazu hätten; aber die Beamten des öffentlichen Diensts und die Staatsangestellten tragen praktisch alle ein Schildchen an ihrer Mütze.

Oft tragen auch die Tiere Schilder. An den Lastpferden bringt man oft eine Anschrift an, die lautet: »Vorsicht, bissig!«

— Sehr gut!, rief ein Freund aus, ein großer Bewunderer deutscher Schilder.

— Ja, gut. Den Mördern sollten sie auch auf die Stirn schreiben: »Vorsicht! Dieser Mensch mordet!«

— Das ist nicht das Gleiche. Die Mörder sperrt man ein.

— Den Pferden, die beißen, hängt man einen Maulkorb um.

Auf den meisten Berliner Plätzen gibt es große Drahtkörbe, in die der Passant seine Zeitungen und die Dinge, die ihn stören, ablegen kann, anstatt sie auf den Boden zu werfen. Ein Schild über jedem Korb gibt dessen Verwendungszweck an und, das Schild vervollständigend, gibt es darauf außerdem noch einen Pfeil. Dieser Pfeil gibt die Richtung an, in die man die bezeichneten Gegenstände werfen muss, damit sie in den Korb fallen, der sich zu den Füßen des Passanten befindet. So wirft der Passant sein Berliner Tageblatt oder seine Orangenschalen nicht in den Himmel, wie er es ohne das Vorhandenseins des Pfeiles geneigt sein könnte zu tun, sondern direkt in den Korb. Das ist sonnenklar.

Ein anderes seltsames Schild hängt an den großen Glasfenster einiger Cafés. Da diese Glasfenster durchsichtig sind und man ungehindert alles dahinter sehen kann, könnten die Leute hindurchzugehen versuchen, in dem Glauben, es gäbe sie nicht. Ein vorausschauendes Schild verhindert genau diesen Irrtum:

»Vorsicht! Glas!« lautet die Aufschrift. Ich dachte am Anfang, dass das fragliche Schild an Fliegen gerichtet ist. Aber Fliegen sind Analphabeten und so bin ich zu dem Schluss gekommen, dass es den Menschen gilt.

Auf der Straße bei Bauarbeiten hängt man über den Bauschutt ein Schild, auf dem »Achtung! Bauarbeiten!« steht.

Wir befinden uns im Land der Schilder. Ich fürchte, dass man mir am nächstbesten Tag ein Schild an den Kopf hängt, das sagen wird: »Misstrauen geboten! Ausländischer Reporter.«

Frankfurter Würstchen

Ich glaube, dass ein Reisender, eine halbe Stunde bevor er in Frankfurt ankommt, einen vagen Würstchengeruch wahrnehmen muss, der dann nach und nach stärker wird. Ich sage dies im Wissen, dass nicht alle Frankfurter Würstchen in Frankfurt geboren sind. In Paris, wo man ebenfalls Frankfurter Würstchen herstellt, sieht man oft dieses Schild: »Saucisses de Francfort et écrevisses vivantes«. Eines Tages kaufte ich zwei Dutzend écrevisses und ein Kilo Würstchen und ich trug alles zu dem Haus von Freunden, um es dort schmoren zu lassen. Es stellte sich heraus, dass die écrevisses seit Urzeiten tot waren, dass jedoch eines der Würstchen eine außerordentliche Vitalität aufwies. Als man es in die Pfanne legte, begann es, verzweifelt mit dem Schwanz zu wedeln. Als ich es verspeiste, steckte immer noch Leben darin und ich hatte später das Gefühl, als ob es sich im Magen erheben und mich einen Kriminellen nennen würde. Vergeblich versuchte ich, mich taub zu stellen und ihm kein Gehör zu schenken. In dem Moment jedoch, in dem ich es am wenigsten erwartete, fühlte ich, wie es sich unerbittlich gegen mich auflehnte. In jener Nacht schlief ich sehr schlecht. Wiederholte Male erschien mir das Würstchen im Traum und sagte zu mir: »Du Elender! Mit mir wirst du niemals fertig werden! Deine Magensäure ist machtlos gegen mich. Jede Minute fühle ich, wie meine Kräfte wachsen. Ich bin quicklebendig und habe schon ein halbes Dutzend der Flusskrebse verschlungen, die du vorhin mit so großer Wonne genossen hast.«

Eine fromme Hand befreite mich aus jenem Alptraum. Plötzlich ging mir auf, dass ich im Traum begonnen hatte, laut zu bellen. Für einen Moment herrschte im Haus die Sorge, dass ich von einem tollwütigen Hund gebissen worden war.

— Nein, erklärte ich, es ist das Würstchen von letzter ­Nacht.

— Ah, aber hast du etwa auf Deutsch geträumt? Ich dachte, du hättest gebellt.

Tatsächlich weiß ich nicht, ob ich diese Nacht gebellt oder auf Deutsch geträumt habe. In Frankreich und England glaubt man, dass Würstchen aus Hundefleisch hergestellt werden. Deswegen schrieb ich in einem Artikel, dass Würstchen manchmal im Magen anfangen würden zu bellen und man dann Deutsch sprechen würde. Die Behauptung aber, Würstchen seien aus Hundefleisch gemacht, ist bloße Verleumdung. Das Würstchen steht in keinerlei Verbindung mit dem Hund. Es ist ein vom Hund sehr verschiedenes Tier, dessen Rasse man bislang nicht studiert hat. Noch ist es nicht domestiziert und – im Gegensatz zum Hund – ist das Würstchen der größte Feind des Menschen.

Ich bin ein großer Parteigänger der Ausrottung der Würstchen. Ich komme auf blutrünstige Ideen: Ich könnte ein Gewehr kaufen, die nächstbeste Metzgerei überfallen, ausplündern und – Bumm! Bumm! – alle Würstchen erschießen. Man sollte sie alle ohne das geringste Mitleid erschießen und sie ausnahmslos alle mit einem Kugelhagel durchsieben. Ich tue es lediglich deswegen nicht, weil die preußischen Autoritäten die Würstchen beschützen und mich, würde ich Gewehrkugeln auf Würstchen abfeuern, ins Gefängnis werfen würden.

Um Bier zu trinken

In Deutschland, dem Land des Biers, ist das Biertrinken eine äußerst schwierige Angelegenheit. In den guten Restaurants ist es obligatorisch, zum Essen einen Wein zu trinken. In Bars schenkt man kein Bier aus: Man muss Wein oder american drinks bestellen, worunter man hier Bénédictine und Sherry versteht. Es gibt viele Etablissements mit vielen verschiedenen Sälen, einige für Biertrinker und andere für Weintrinker. Die Säle, in denen man Wein trinkt, sind fröhlich, schön und sie haben ein Orchester. Die Säle der Biertrinker sind durch und durch schäbig. Die meisten Kabaretts servieren Bier bis um elf Uhr nachts und ab dann nur noch Wein. Auf den Weintrinker wird jede erdenkliche Rücksicht genommen, für den Biertrinker gibt nur es tiefe Verachtung.

Der Biertrinker wird in Deutschland übergangen. Die Jugend von heute besteht aus snobs, sie trinkt amerikanische Getränke und lehnt an ihren Tischen jene ehrwürdigen Alten ab, die die hochheilige Erde des Kaiserreichs aus Bierhefe geknetet haben. Und man muss die Alten lamentieren hören, wenn sie ungefähr das zwölfte Bockbier des Abends intus haben. Einer, der Gambrinus ähnlich war, schüttete mir vor Kurzem in einem erbärmlichen Etablissement seinen Kummer aus, und die Verbitterung des gutmütigen Greises hatte ein Aroma wie Spatenbräu.

— Das Bier, sagte er, ist ein ernstes Getränk, eines, das zu unserem Temperament passt, es ist friedlich und nahrhaft. Es könnte endlos die Korpulenz und Ruhe der Nation erhalten. Aber diese Jungspunde haben den Verstand verloren. Sie verbringen ihre Zeit damit, mit einem Strohhalm cocktails zu schlürfen, und das wird verheerende Folgen für die deutsche Mentalität haben.

Es lässt sich wirklich nicht erklären, weshalb fremdländische Getränke einen solchen Schutz genießen und weshalb dem Nationalgetränk der Krieg erklärt wird. Einmal habe ich in einem Restaurant ein Bier bestellt und sogar angeboten, dafür viel Geld zu bezahlen, damit das Etablissement mit meinem Bier denselben Gewinn machen kann wie mit einem Glas Wein.

— Da ich nun mal nach Deutschland gekommen bin, sagte ich, möchte ich gern ein Bier trinken.

— Das Einzige, was ich Ihnen anbieten kann, sagte mir der Geschäftsführer, ist ein englisches Bier.

Es ist nämlich so, dass das alte Deutschland, das Deutschland des Biers, sich nicht damit abfinden würde, für ein Bier mehr zu zahlen als es bislang immer gezahlt hat. Der Luxus des Lokals, der Komfort der Sitze, die Kellner im Frack und die Musik, all das bezahlt das junge Deutschland, das american drinks und Wein trinkt, und das ein wenig zügellos ist und die Sitten anderer Länder annimmt.

Das Gebirge und die Stadt

Ich habe das Gebirge oft verleumdet, so wie ich auch viele andere Dinge verleumdet habe. Aber was soll der arme Journalist machen, der dazu verpflichtet ist, ein wenig Vergnügen in das Leben seiner Leser zu bringen, wenn er nicht etwas oder jemanden verleumden kann? Man mag noch so sehr das Gegenteil behaupten, die Wirklichkeit bietet uns sehr wenige Schufte, sehr wenige Banditen, sehr wenige originelle und pittoreske Persönlichkeiten an, die von der gewöhnlichen Moral und der bestehenden Ordnung abweichen. Man muss sie also erfinden oder übertreiben, und darin besteht die Verleumdung.

Ich habe das Gebirge verleumdet und behauptet, die gesündeste, stärkendste und appetitanregendste Luft gebe es nicht dort oben, sondern in den literarischen Zirkeln in den Cafés von Madrid. Das »appetitanregend« behalte ich weiterhin bei. Lachen Sie getrost über Wermut und Chinarindenbaum, Amer Picón Biére, den Mont Blanc und die Jungfrau! Um den Appetit anzuregen gibt es nichts Besseres als einen spanischen literarischen Zirkel. Allen steht das Begehren, Beefsteak mit Kartoffeln zu essen, ins Gesicht geschrieben. Sobald jemand zu einem dieser Treffen hinzustößt, entwickelt er unvermittelt einen wilden Hunger.

Aber ansonsten ist alles, was ich über das Gebirge gesagt habe, falsch. Ich bereue dies, weil ich mich überzeugt habe, dass man seinen Spott nicht gegen das Gebirge, sondern gegen die Stadt richten sollte. Vor allem in Spanien, wo wir einige erhabene Gebirge und so manche lächerliche Stadt haben, wäre es idiotisch, sich über das Gebirge lustig zu machen.

Hier am Fuß der bayrischen Alpen, die sich 3000 Meter über die Politik und die Literatur erheben, fühlt man sich gesünder und edelmütiger als im Flachland. Man gedenkt der Freunde, die in der Stadt zurückgeblieben sind, mit mitleidiger Verachtung. So wie Herr Lerroux zum Beispiel, der auch wie das Gebirge verleumdet wurde, seiner Kindheitsfreunde gedenken muss, arme Leute, die im Heimatdorf zurückblieben, während er so weit aufgestiegen ist.

In Wirklichkeit haben die Berge nicht nur materielle Höhe, sondern auch moralische. Und ein Bergbewohner, der in direktem Kontakt mit der Natur lebt, ist zweifellos all den Anwälten, Journalisten, Kellnern, den Kneipenwirten, Kulturvereinsmitgliedern und anderen Leuten aus der Stadt bei Weitem überlegen.

 

Wilmersdorf, Seehafen

Können Sie sich mitten in Berlin ein Schiff vorstellen, ein Schiff mit Rumpf, Masten, Schornsteinen und Segeln, mit Brücke und Besatzung?

— Warum nicht?, werden Sie sagen, die Spree führt doch viel Wasser.

Aber der Schiffsrumpf, von dem ich spreche, schwimmt nicht auf der Spree, sondern befindet sich in der Düsseldorfer Straße, Gemeinde Wilmersdorf. Es ist eine Marineschule und es ist ein echtes Schiff. Es fehlt nichts, außer das Wasser.

Kürzlich an einem Nachmittag war es etwas windig und das Schiff hatte seine Segel gesetzt. Die Seeleute liefen vom Bug zum Heck und von Backbord nach Steuerbord, kletterten die beiden Masten hinauf und veranstalteten ein Riesengeschrei. Offensichtlich war die Situation schwierig, da der Wind immer heftiger wurde. Das Schiff, das in den Boden eingelassen war, konnte nicht hin- und herschwanken. Hätte es sich auf dem Meer befunden, es hätte zweifellos ein paar fürchterliche Sätze gemacht. Aber nun gut: Theoretisch schwamm das Schiff im Meer und die Besatzung glaubte sich in Gefahr. Deshalb das Laufen, die widersprüchlichen Befehle und das Geschrei, das sich an Bord abspielte. Zwei Offiziere ließen von einer sehr hohen Kommandobrücke herab durch Fernrohre hindurch den Blick über den Ozean neben dem Kurfürstendamm wandern.

De sang froid, de sang froid … – hätte Tartarin gesagt.

So bereiten sich die Leute in der Düsseldorfer Straße vor, ozeanische Sturmtiefs zu beherrschen. Das sind die Vorteile der experimentellen Methode. Nautik nur aus Büchern zu lernen, genügt nicht, es ist notwendig, sich in der Düsseldorfer Straße einzuschiffen, sich wie ein Seemann auf ein Schiff zu begeben und sich dem Regime an Bord zu unterwerfen. Das Schiff verlassen sie als Männer, die für das Leben auf offener See wie geschaffen sind, mit diesem gewissen Etwas, das sie von uns, die wir auf dem Festland leben, so unterscheidet. Man muss sie in der U-Bahn sehen, ohne jegliche Hilfe stehen sie da, ohne sich an etwas festzuhalten, und sie behalten, zur allgemeinen Bewunderung, perfekt das Gleichgewicht. Sie haben das, was die Franzosen einen pied marin nennen.

Ich, der ich Seeluft aus gesundheitlichen Gründen atmen muss, gehe an vielen Nachmittagen in die Düsseldorfer Straße. Dort sehe ich das Schulschiff, seine Segel blähen sich im Wind, ich höre die kraftvollen Stimmen der Seeleute und spüre, wie sich meine Lungen mit der salzhaltigen Seeluft füllen.

Nicht nur die Franzosen, alle Welt ist ein wenig aus Tarascon.

Ein Spektakel im Frühling

Auf dem Bürgersteig stehen drei, vier, fünf Personen, die in den Himmel schauen und lebhaft miteinander reden. Ihnen gegenüber bildet sich kurz darauf eine zweite Gruppe. Diese Gruppe vergrößert sich nach und nach. Es öffnen sich einige Fenster und Frauen in Hausröcken und Männer in Hausmänteln stecken ihre Köpfe hinaus. Alle haben die Nase in Richtung des Zenits gereckt. Ein paar Leute rufen anderen etwas zu. Die Kutscher halten ihre Pferde an, die chauffeurs ihre Automobile, die Radfahrer steigen von ihren Rädern, sogar die großen Umzugswagen stoppen ihre Fahrt. Augenblicklich belebt sich die Straße. Im Inneren des Cafés findet man keine Menschenseele mehr: Alle sind zur Tür und auf die Straße gelaufen, viele mit ihren Stühlen, um sich daraufzustellen, damit besser sehen können.

— Was ist denn da los?

— Gute Reise!

— Bravo!

Manche junge Mädchen werfen Handküsse in die Luft. Währenddessen manövriert ein Zeppelin langsam, ernst und feierlich durch den Himmel. Es ist ein Spektakel wie das der Elefanten im Zirkus. Es gefällt den Leuten, diese gigantische Masse zum Schmetterling werden zu sehen, der aufsteigt und absinkt und Bewegungen von solcher Würde am Himmel macht.

Langsam entfernt sich der Zeppelin. Die Fahrzeuge beginnen wieder weiterzufahren. Die Fenster schließen sich, die Cafébesucher nehmen ihre Plätze im Innern des Cafés wieder ein. Die Taschentücher sind wieder ordentlich zusammengefaltet und erneut in den geheimnisvollen Tiefen verschwunden, von wo sie für einen Moment hervorgekommen waren.

Aber der Zeppelin ist nicht vergebens vorbeigefahren. Er hat sich in den Köpfen wie ein ruhmvolles inneres Bild eingeprägt. Der Herr, der mir gegenüber seinen Kaffee trank, scheint jetzt noch deutscher zu sein als zuvor. Es scheint, als ob er jetzt noch stolzer als zuvor auf seinen teutonischen Kopf wäre, in dem jetzt keine Nachtigallen, sondern Zeppeline nis­ten. Und sogar der Kellner nimmt bei der Erfüllung seiner Pflichten eine stattliche, beinahe heroische Haltung an.

Kolossal!

Ein kleiner Taugenichts aus Granada sah einmal einen Fremden, der vor der Alhambra stehengeblieben war und dessen Mund in regelmäßigen Abständen aufklappte und ausrief:

— Kolossal!

— Sie sind Deutscher, was?

— Ja. Woher weißt du das?

— Ich weiß es, weil, sobald ein Deutscher zur Alhambra kommt, er anfängt »Kolossal, kolossal!« zu schreien.

Wenn ein Deutscher irgendein Ding bewundert, sagt er, um auszudrücken, dass dieses Ding bewundernswert ist, »kolossal«; »kolossal« und »bewundernswert« haben auf Deutsch die gleiche Bedeutung. In Wirklichkeit bewundert der Deutsche ausschließlich kolossale Dinge.

— Heute Nachmittag habe ich Unter den Linden eine Frau gesehen ... Kolossal!

Und man stelle sich eine dieser wahrhaft kolossalen Frauen vor, deren enormes Ausmaß dafür gemacht worden zu sein scheint, dass man sie ohne Weiteres als überlebensgroße Statue an das Frontispiz einer Häuserfassade hängen könnte, ohne dass sie dort einem Passanten auch nur im geringsten fehl am Platz erschiene.

Manchmal bin ich es selbst, der auf Deutsch von einer Frau spricht. Ich bin ein wenig unsicher in der Sprache, probiere verschiedene schmeichelhafte Adjektive aus, bis irgendein Deutscher auftaucht und mir das Hauptadjektiv vorschlägt.

— Kolossal, was?

Und wenn es sich um eine Pariserin handelt, fügt der Deutsche hinzu:

— Ja, die Pariserinnen sind wirklich kolossale Frauen.

Können Sie sich vorstellen, wie sich ein deutsches Pärchen gegenseitig »kolossal« nennt? Nicht etwa »mon petit poulet« oder »queridito mío« oder »my little thing« oder alle diese Verkleinerungsformen, die die Zärtlichkeit der nicht deutschen Verliebten hervorbringt, sondern:

— Mein Koloss!

— Mein altes Schlachtross!

Die Art und Weise, wie die Deutschen »kolossal« sagen, ist absolut bemerkenswert. Sie öffnen den Mund unglaublich weit und sprechen dann die einzelnen Silben sehr langsam aus. Je nachdem, um welchen Gegenstand es sich handelt, verwenden die Deutschen mehr oder weniger Zeit dafür, »kolossal« zu sagen. Das Wort »kolossal« klingt niemals kolossaler als aus einem deutschen Mund.

Davon können Sie sich mittels der deutschen Rechtschreibung des Wortes überzeugen. Die Deutschen schreiben nicht wie wir Spanier »colosal« mit einem c, das ein völlig unbedeutender Buchstabe ist, sondern mit einem k und anstatt mit einem s schreiben sie zwei: »kolossal!« Die deutsche Rechtschreibung ist etwas wie die deutsche Architektur, die ausschließlich Gebäude gigantischen Ausmaßes hervorbringt. Die deutschen Gebäude scheinen tatsächlich stets mit einem k anstelle eines c und stets mit einem Doppel-s anstelle unseres spanischen einfachen s gebaut zu sein. Außerdem sind es gotische Gebäude, wie das des Berliner Tageblatts. Es sind kolossale Gebäude.