Georg Schattney: Argentinisches Roulette

Leseprobe


Prolog

Montag, 7. Januar 2002, Buenos Aires

No one left to scream or shout

Ein fernes Land. Eine fremde Stadt. Die Wohnung eines gewissen Fred Tantani. Ich liege mit geschlossenen Augen im Bett. Ganz still, um meine Geister nicht zu wecken. Vergebens! Schon stampfen sie wieder wutentbrannt über die Straßen, klappern mit Kochtöpfen und hämmern gegen längst geschlossene Banken. Laute Geister! Böse Geister! Mit ihrer immer gleichen Klage. »Unser Geld! Gebt uns unser Geld zurück! Und unser Leben!« Dann spukt halt weiter. Aber ändern könnt ihr nichts: Euer Geld ist verloren, euer Leben verpfändet und eure Seele verkauft. Wer wüsste das besser als ich.

Ich schäle mich aus den verschwitzten Laken, tapse über schartige Holzdielen, schlage die unvermeidliche Kakerlake tot und stelle den Plattenspieler an. Sofort erfüllt der freche, widerspenstige Sound einer Hammondorgel den nachtblauen Raum. Schlagzeug und Gitarre setzen ein. Der erste gellende Schrei des Sängers vertreibt auch die letzten Plagegeister. Mein Gegenzauber wirkt! Das dunkle, hypnotische Delirium der Instrumente und die anklagende Empörung in der Stimme von Jim Morrison. Das ist kein Pop, das ist Poesie.

What have they done to the earth? / What have they done to our fair sister? / Ravaged and plundered / And ripped her and bit her / Stuck her with knives / In the side of the dawn.

Jim hat es vor uns allen erkannt. Die Drogen haben ihn nicht vernebelt, sie haben ihn klarsichtig gemacht. Als ob er sich die Augenlider herausgerissen hätte und immerzu in eine furchtbare Zukunft hätte starren müssen, die ich mit so vielen anderen errichtet habe: Die Herrschaft des Kapitals und die Knechtschaft der Völker. Doch niemand kann leben, ohne ab und an seine Augen zu verschließen vor dem Unrecht. Sommer 1971. Eine Badewanne in Paris. When the music’s over, / Turn out the light.

Fred Tantani ist Jims Weg der Rebellion auf seine ganz eigene Art zu Ende gegangen – dreißig lange Jahre lang. Von 1971 in Paris bis 2001 in Buenos Aires. Und als er vor einer Woche endlich am Ziel angekommen ist, hat er sich eine Kugel durch den Kopf geschossen. Nicht so, wie es manche Anfänger machen, die dann nur blind werden oder blöde. Nein, wie ein Profi. Lauf in den Mund. Richtiger Winkel. Abgedrückt. Weil er das System nicht in die Luft sprengen konnte, hat er sich sein Gehirn weggeblasen. So könnte es gewesen sein. Music is your only friend until the end, / Until the end, until the end.

Zurück ins Bett, den Kopf unters Kissen. Zurück ins Chaos der Krise. Zurück in die brennende Stadt am Südrand der Erde: Straßenfluchten, in denen die Wut kocht – heißblütig, ohnmächtig, ohne Sinn und Verstand. Die Sprechchöre der Demonstranten. »Die Armen liefern die Leichen, der Mittelstand muss weichen, das Kapital dient nur den Reichen.« Einer von Tantanis letzten Sätzen. »Ihr könnt die Entfernung zu mir immer nur halbieren. Aber so holt ihr mich nie ein.« Er hat Recht behalten. Persian night / See the light / Save us! / Jesus / Save us!

Als ich wieder aufwache, ist der nächtliche Spuk vorbei. Nur der Röhrenverstärker der Stereoanlage brummt noch wie ein letztes Echo des Aufruhrs. Nachdem ich ihn ausgeschaltet habe, höre ich nur noch das gleichgültige Rauschen des Verkehrs auf der Nueve de Julio einen Block weiter oben, das Knattern eines Busses auf der Tacuarí ein paar Meter weiter unten und das Klappen von Fensterläden in der Nachbarwohnung. Da ist das Morgenschwätzchen zweier alter Weiber, das in der weichen Melodie des argentinischen Spanisch dahinfließt. Und da ist eine italienische Opernarie, die munter aus irgendeinem halbgeöffneten Fenster hinaussprudelt und dann die Calle Chile Richtung Rio de la Plata hinunterplätschert.

Ein neuer Tag beginnt, das Leben geht unbeirrt weiter. Es ist ja nichts Bemerkenswertes passiert. An der Peripherie, zumal an ihren südlichen Enden, kann es schon einmal vorkommen, dass ganze Länder von der Weltkarte fallen. Manchmal tauchen sie sogar wieder auf. Wer kennt das nicht? In den Nachrichten hört man Meldungen über Kindersoldaten, Massaker, Massenvergewaltigungen und denkt sich, »Sieh an, sieh an, den Kongo gibt’s ja auch noch«. Aber im Gegensatz zum Kongo verfügte Argentinien noch bis vor Kurzem über alle uns Europäern vertrauten Merkmale einer modernen Zivilisation: ein marodes Rentensystem, eine hohe Selbstmordrate und eine zufriedenstellende Psychiaterdichte. Vor einem Jahrhundert lag Buenos Aires sogar gleichauf mit Paris. Die argentinische Oberschicht verbrachte ihre Zeit lieber an der Seine als am Rio de Plata, weil dort alles billiger war und auch nicht viel unkultivierter. »Riche comme un Argentin«, hieß es damals in der alten Welt. Die Ökonomen sagten dem Land den Aufstieg zu einer der führenden Mächte des 21. Jahrhunderts voraus – übertroffen nur vom Britischen Empire, dem Zarenreich und Belgien mit seinen unermesslichen Kronschätzen im Herzen Afrikas.

Nun hat die Argentinienkrise ein ganzes Volk ins Elend gestürzt und für den Rest der Menschheit ist das eine Randnotiz. Ein unbedeutender nationaler Unfall am Seitenstreifen der inzwischen gut ausgebauten globalen Waren- und Geldautobahnen. Mehr nicht. Nur in der englischen Presse habe ich vor einiger Zeit drastische Schlagzeilen gelesen. »Das Schicksal ist grausam« und »Schlimmer konnte es nicht kommen« hat sie mit Hinblick auf Argentinien getitelt. Aber bei genauerem Hinsehen war der Grund nicht die Krise, sondern die Auslosung der Gruppen für die nächste Fußballweltmeisterschaft. Die englische Nationalmannschaft hatte es in dieselbe Gruppe wie die argentinische verschlagen und die Erinnerung an das Viertelfinale von 1986 war noch frisch. Zwei Tore wie ein kalter Stich ins Herz der englischen Fans. Zwei Tore für die Ewigkeit. Beide durch Maradona. Das erste hat er regelwidrig mit der Hand erzielt und »die Hand Gottes« getauft, das zweite im Alleingang so genial herausgespielt, dass die Engländer es bis heute zähneknirschend »das verdammte Wunder« nennen.

Doch an diesem Morgen in Buenos Aires scheint nichts ferner als Gott oder eines seiner Wunder. Der Himmel hängt grau und tief, die Luft liegt schwer und drückend – und wenn Argentinien überhaupt noch auf etwas wartet, dann auf die nächste Runde von Sozialkürzungen.

Eine halbe Stunde später sitze ich am Tresen des Cafés, das sich im Erdgeschoss von Tantanis Wohnhaus befindet. Es ist nach der amerikanischen Tänzerin Isadora Duncan benannt, die hier vor hundert Jahren, einzig in die blauweißblaue Fahne mit der Sonne gehüllt, die argentinische Nationalhymne getanzt hat. Die Geschichte wurde zum Skandal der Saison, das Café zu einem legendären Treffpunkt der Bohèmiens. Aber das ist lange her. Heute bin ich der einzige Gast. Und der Pächter, ein übel gelaunter und schlecht rasierter Mann in den späten Fünfzigern, blättert in einer Zeitung, die tatsächlich mit dem neuesten Sparpaket für Argentinien aufmacht.

»Ich kann mich noch an die Zeiten erinnern, als die neuesten Nachrichten mit lauter Stimme von den Zeitungsjungen ausgerufen wurden«, sagt er und saugt nachdenklich einen Schluck Maté durch einen Metallhalm aus einem hohlen Kürbis. »Die führenden Blätter Argentiniens hießen damals Crítica und La Razón – und weil ich mich in jener Zeit für Philosophie interessierte, musste ich auf den Straßen der Stadt immer an Kant denken: ›Kritik! Vernunft!‹.« Er lächelt traurig und tippt auf die Schlagzeilen. »Sieht so aus, als wären die beiden Hübschen schon lange wieder ausgewandert.«

Ich nicke.

Er schlägt die Zeitung zu und schiebt sie beiseite. »Stimmt es, was man über Fred sagt?«, fragt er und sieht mich direkt an. »Dass er für das Volk gestorben ist. Dass er sich für die Menschen geopfert hat.« Er macht eine Pause. »Und dass er ein besonderes Schwert bei sich trug. Ein mystisches Schwert. Das Schwert der Engel.«

Ich wiege den Kopf. »Ja, das Schwert, das trug er bei sich. Der Rest ist Aberglaube. Und das mit dem Volk – nun, das muss das Volk selbst entscheiden.«

»Die Menschen hier im Viertel halten ihn für einen Helden«, sagt er. »Alle denken, dass die üblichen Kreise hinter seinem Tod stecken. Wie war es wirklich? Sie waren doch bei ihm, als es passierte.«

»Er wurde erschossen«, antworte ich bestimmt. Dabei stand ich nur wenige Meter von ihm entfernt, als er sich die Pistole in den Mund steckte und abdrückte. Tantani, ein Held? Vielleicht. Er hat viele Seiten gehabt – und eine davon ist mörderisch gewesen. So viel steht fest.

»Wie auch immer«, brummt der Mann schließlich mürrisch. »Er ist tot. So wie unsere Wirtschaft auch.« Wütend lässt er den Milchschäumer der Kaffeemaschine aufzischen. »Liberalisierung! Dass ich nicht lache. Alles, was wir besaßen, haben wir ins Ausland verscherbelt. Und wenn die Banker morgen herausfinden, dass Scheiße wertvoll ist, werden sie uns Argentiniern auch noch den Arsch zunähen. So war es doch schon immer. Que el mundo fue y será una porqueria, wie unser aller Gardel schon ’35 gesungen hat.« Er knallt die Tasse vor mir auf den Tresen. »Und Sie? Wie haben Sie sich entschieden? Verlassen Sie die Stadt oder bleiben Sie uns noch eine Weile erhalten?«

Ich zucke die Schultern, ziehe die Augenbrauen nach oben und zünde mir eine Zigarette an.

»Alle Städte sind Huren – bis auf die eine. Santa Maria de los Buenos Aires, heilige Alte, dass der Herr dich nur in all deinem Glanz erhalte.« Er schlägt ein Kreuz und küsst das Medaillon, das er an einer Kette um den Hals trägt. »Dies ist keine Stadt, sondern ein Schicksal.«

Schicksal! Auch das noch. Zufälle, nun gut, die hat es gegeben in den letzten Monaten. Aber Schicksal? Ist das nicht nur ein anderes Wort für unseren Unwillen, jenem verschlungen Geflecht von Ursache und Wirkung auf den Grund zu gehen? Ich trinke meinen Kaffee aus und sehe den Rauchkringeln meiner Zigarette hinterher, wie sie sich zunächst ineinander winden und schließlich auflösen. Nein, wenn wir Tantani nicht eingeholt haben, dann hat das mit Schicksal überhaupt nichts zu tun, sondern nur mit unserem Versagen. Ich ziehe den Zettel heraus, den er mir Minuten vor seinem Tod in die Hand gedrückt hat. Dort steht in seiner Handschrift: NAM HEL NOIT AREPO. Das Papier ist zerknittert und blutbespritzt. Ich versuche erneut, einen Zugang zu der Nachricht zu finden. Doch drei Zigaretten und zwei Tassen Kaffee später gebe ich wieder auf. Er scheint sein Geheimnis mit ins Grab genommen zu haben.

Als ich gegen elf Uhr oben in Tantanis Diele stehe, lasse ich die Stille der Wohnung auf mich wirken. All die Schränke, Anrichten, Tische, Kommoden und Regale. Die Bücher, der Hausaltar, die Spazierstocksammlung. Ich war mir vom ersten Augenblick an sicher, irgendwo in diesem Labyrinth, in das Tantani uns gelockt hat, muss der Schlüssel zu seiner Nachricht versteckt sein.

Plötzlich klingelt das altmodische Telefon. Es ist Mascha. Ihre Stimme klingt rau und übernächtigt. In London ist es sechs Uhr in der Früh. »Hast du endlich eine Erklärung gefunden?«, fragt sie. »Dieser Zettel muss etwas bedeuten. Es kann nicht anders sein. Er muss das fehlende Glied in der Kette sein – unser Beweis.« Nein, ich habe keine Erklärung für Tantanis Worte gefunden. Auch keinen Beweis dafür, dass es auf dieser Welt doch noch ein verdammtes Wunder gibt, das die totale Herrschaft der Finanzmärkte aufhalten kann. Oder dass Tantani dieses Wunder irgendwie posthum vollbringen würde. Und schon gar nicht den Beweis, auf den Suki ganz offiziell in Washington wartet: den Beweis dafür, dass Tantani nicht nur der Grund für die zunehmende Instabilität der weltweiten Finanzmärkte in den vergangenen Jahren ist, sondern dass der Spuk mit seinem Tod auch endgültig vorbei ist. Geschweige denn den Beweis, von dem Fjodor träumt: Den Beweis dafür, dass Tantani im Mittelpunkt einer apokalyptischen Verschwörung zur Überwindung unserer Zivilisation gesteckt hat.

Vielleicht warten wir alle einfach nur auf das Zeichen, dass Tantanis Ein-Mann-Weltrevolutions-Show nach seinem Tod weitergeht. Vielleicht fürchten wir uns lediglich vor der Rückkehr in unsere früheren Leben. Vor der Langeweile einer Existenz, in der alle Uhren unweigerlich richtig gehen. Vor der Leere, die irgendwo hinter der glitzernden Fassade einer Bank am großen Chefschreibtisch auf uns wartet oder am Ende eines übervollen Supermarktregals oder am späten Abend nach dem Abschalten all der großen und kleinen technischen Errungenschaften unserer Zeit. Oder haben wir einfach nur Angst vor der Erkenntnis, dass das westliche Glücksversprechen nur ein ungedeckter Scheck ist, unsere Wohlstandsillusion ein fauler Kredit und die Zukunft ein krachender Globalbankrott?

Wie auch immer. Wer sucht, der findet: »NAM«, so nannten die Amerikaner während des Krieges Vietnam. Gleichzeitig ist es das Anagramm von »MAN«. Aber was nun, »Mann« oder »Vietnam«? Und »HEL« bedeutet alles nur Denkbare in allen möglichen nordischen und germanischen Sprachen. »Hölle« oder »rein«? Was darf’s denn sein? »NOIT« ist altfranzösisch für Nacht. »AREPO« steht vielleicht für das lateinische »arrepo«, also »ich krieche«. Vielleicht! Jedes dieser Worte passt in der einen oder anderen Weise zu Tantani. Aber zusammen ergeben sie keinen Sinn. Und das wiederum passt überhaupt nicht zu Tantani.

Während Mascha am anderen Ende der Leitung ein neues Wörterbuch wälzt, betrachte ich mein Abbild im verstaubten Spiegel an der Wand gegenüber. Erst jetzt, wohl wegen des spezifischen Winkels des Lichteinfalls auf die Spiegelfläche um diese Uhrzeit, fällt mir auf, dass Tantani mit seinem Finger »Spiegel einer Welt ohne Ausweg« in die Staubschicht geschrieben hat. Große Worte. Ohne mir viel dabei zu denken, trete ich näher an den Spiegel heran, klemme mir den Hörer zwischen Schulter und Kopf, wische den Staub an einer Stelle weg, falte den Zettel mit Tantanis Nachricht auf und versuche die Buchstaben im fast blinden Spiegel zu lesen. Aus London höre ich das Rascheln von Buchseiten. »OPERA TION LEH MAN«, lese ich. So ein gottverflucht einfacher Trick! Die Nachricht ist einfach nur spiegelverkehrt geschrieben. Und damit hat Tantani uns mehr als eine Woche beschäftigt! Lehman Brothers. Eine Investmentbank. Keine von den ganz großen. Aber extrem aggressiv und risikobereit. Hat Tantani sie im Visier gehabt? Gibt es also doch irgendeine geheime Mechanik, mit der er seine apokalyptische Verschwörung noch aus aus dem Grab heraus weitertreiben kann?

So oder so, wir haben nun wenigstens eine heiße Spur. Und auch wenn ich noch immer nicht weiß, wie diese Geschichte enden wird, so scheint mir doch klar, wie sie angefangen hat: vor gut drei Jahren, als Fjodor, Mascha, Suki und ich fast die Wall Street in die Luft gesprengt hätten – und das Weltfinanzsystem gleich mit dazu. Aber ganz anders als Tantani, nicht aus Absicht, sondern aus Versehen.


Kapitel 1

Montag, 7. September 1998, New York

Crystal Ship

Die Midas Future Capital sitzt im 50. Stockwerk eines Bürohochhauses in Manhattan Midtown. Sie ist das schnellste, intelligenteste, innovativste, gefährlichste und größte Biest, das die Finanzmärkte bisher gesehen haben. Und Fjodor, Mascha, Suki und ich haben mitgeholfen, dieses Biest zu erschaffen. Anfang des Jahres noch fühlten wir uns unverwundbar, ja geradezu unsterblich. Wir verfügten über ein Eigenkapital von fünf Milliarden Dollar und Kredite von 125 Milliarden Dollar, mit denen wir Termingeschäfte mit einem Nominalwert von 1.250 Milliarden Dollar eingegangen waren.

Gott, wir waren dem Himmel so nah! Wir hatten unser eigenes Kapital um den Faktor 250 gehebelt, ohne dass irgendjemand auch nur mit der Wimper gezuckt hätte. Die Banken nicht, die Aufsicht nicht und die Anleger schon gar nicht. Einer Jahresrendite von 40 Prozent schaut man nicht ins Maul – oder so ähnlich. Jedenfalls bewegten wir mit nur 200 Kollegen Summen, die höher waren als der Staatshaushalt von jedem Land der Erde mit Ausnahme der USA. Aber dann kam die Russlandkrise und unser gesamtes Portfolio begann, aus dem Geld zu laufen. Seit Mai verlieren wir nun im Schnitt mehr als zehn Millionen Dollar pro Handelstag. Und inzwischen ist unsere letzte Hoffnung, dass der Internationale Währungsfonds Russland noch einmal mit einem Milliardenkredit unterstützt und die Märkte sich davon beruhigen lassen.

Das Licht der Nachmittagssonne suppt durch die Metall lamellen auf den dunkelgrauen Teppichboden unseres Büros. Die Pressekonferenz des IWF ist für 17:00 Uhr angesetzt. Eine Stunde noch! Russland wartet, die Banken warten, wir warten. Verfluchte GKOs! Der Kapitalismus hat Marx und Engels, Lenin und Stalin,KGB-Spione, MiG-Kampfflugzeuge und SS-20-Atomraketen überstanden, doch von allem, das Moskau je hervorgebracht und propagiert hat, um den Westen niederzuringen, werden diese Initialen dereinst für seine gefährlichste Waffe stehen. Die »Gosudarstevennye Kratkosrochnye Obligatsii« sind kurzfristige russische Staatsanleihen. Die westlichen Banken haben sie wegen der hohen Zinsen geliebt und selbst dann noch Milliarden investiert, als Experten schon vor dem Teufelskreis einer »explodierenden Schuldendynamik« warnten. Jetzt droht der Zahlungsausfall und die Banken drängen den Währungsfonds zu einem Notfallkredit. Das perfekte Geschäftsmodell: Die Finanzinstitute verlangen von den Russen exorbitante Zinsen, um sich gegen das Risiko eines Zahlungsausfalls abzusichern, und über den Umweg des Internationalen Währungsfonds von den westlichen Steuerzahlern den Ersatz ihrer Einlagen, wenn er dann tatsächlich eintritt. Doch was passiert, wenn der Währungsfonds diesmal »Njet« sagt?

Durch nichts von meinen Vorahnungen zu erlösen, starre ich wieder auf die Handelsbildschirme, die ton- und trostlos vor sich hinflackern. Unten laufen Bänder mit Wirtschafts- und Finanznachrichten. Darüber werden in verschiedenen Kästen die Kurse von Aktien, Anleihen, Rohstoffen und Währungen angezeigt. Sie verändern sich sekündlich.

An guten Tagen hat sich der Wirrwarr der Zahlen morgens immer schnell zu einer Partitur gefügt. Und diese Partitur vereinte sich in meinem Kopf zu einer Melodie. Manchmal spielten die Märkte Mozart, luftig-leicht und filigran, und manchmal Beethoven, dunkel-schwer und schicksalhaft. Die Märkte hatten ihre Heavy-Metal-Momente und dann wieder Rock-, Reggae- oder Techno-Phasen. Sie spielten jede nur denkbare Melodie für mich: mathematisch-kühle Fugen von Johann Sebastian Bach oder synkopisch-sprunghafte Improvisationen von Charlie »Bird« Parker. Alles, was ich zu tun hatte, war diesem Rhythmus zu lauschen und im richtigen Augenblick zu kaufen oder zu verkaufen. Erfolg ist für mich letztlich immer nur eine Frage der präzisen Taktung gewesen. Ja, ich habe mich immer ein bisschen als Künstler fühlen dürfen, als begnadeter Musiker, der die Symphonie eines Handelstages durch einige perfekt gesetzte Töne vollendet.

Doch heute bleiben die Zahlen ebenso stumm wie meine Kollegen.

Da ist Fjodor, Nachname Kerenin, unser Portfolio-Stratege, der wortlos auf- und abtigert. Zehn Schritte zur einen Wand. Zehn Schritte zur anderen. Hoch gewachsen, hager, unrasiert und im schwarzen Nadelstreif erinnert er mich heute mehr denn je an einen Totengräber. Er hat in den letzten Monaten so viele Nächte durchgearbeitet, dass er neulich angeblich seine Privatadresse bei der Team-Assis tentin erfragen musste. Dann ist da Mascha, Nachname Ivanova, unsere Vertrieblerin. »Meine« Mascha, wie ich sie gerne noch nenne, obwohl sie schon länger nicht mehr die meine ist. Schlank und aufrecht steht sie seit einer halben Stunde am Fenster und lutscht an ihrer Perlenkette. Das macht sie immer, wenn sie sehr nervös ist. Sie hat mir einmal gestanden, dass es sie beruhigt, mit der Zunge über die glatte, kühle Oberfläche der Perlen zu fahren. Und schließlich ist da Suki, Nachname Kwak, die schon den ganzen Tag mit einem Datenblatt voller roter Zahlen auf ihrem Computer herumspielt. Sie ist unsere quantitative Analystin und einer dieser jungen, resoluten Menschen Asiens, in deren Gesichtern ich so schwer lesen kann. Sie kennt jede Zahl der Midas – vom Preis des vierlagigen Klopapiers in der Damentoilette bis zur mehrfach gehebelten Milliardeninvestition. Niemand weiß mit Sicherheit, ob Suki überhaupt eine Privatadresse hat – geschweige denn ein Privatleben. Außerdem gibt’s noch mich, »Wolf« – von Wolfgang –, Nachname Willarth. Wir vier werden bei der Midas das Omega-Team genannt.

Mascha unterbricht meinen Gedankengang. »Wer hat dieses verdammte Geschäft eigentlich genehmigt? Wer?«, fragt sie und dreht sich zu uns um. »Wir spielen russisches Roulette, Leute. Und in jeder Patronenkammer steckt eine Kugel.«

Suki blickt ausdruckslos von ihrem Computer hoch. »Es ist die einzige Wette, die uns noch retten kann, Mascha. Deshalb hat das Investment-Komitee das Geschäft genehmigt. So einfach ist das.«

Mascha verschränkt ihre Arme. »Vorne wird für die Öffentlichkeit eine Tragödie über die Zukunft des russischen Volkes aufgeführt und hinter den Kulissen ist alles nur eine Farce. Da geht es doch nur um die Interessen der Banken. Ein widerliches Spiel.«

Suki runzelt die Stirn. »Nimm’s nicht persönlich, Mascha. Kapitalmärkte haben keine Moral. Das ist kein Fehler im Sys tem. Das ist das System.«

Fjodor faltet sich in einen Stuhl neben mir. »Wie auch immer, Ladies, gleich haben wir Klarheit«, seufzt er, klopft mit seinen blutig abgekauten Fingernägeln auf seine Armbanduhr und schaltet den Fernseher ein. Die melodische Stimme der Nachrichtensprecherin des internationalen Kanals von BBC legt sich über das gleichgültige Rauschen der Klimaanlage. Ich angele eine Zigarettenpackung aus meinem Jackett, trenne den oberen Teil der Plastikhülle ab, breche den Karton auf, reiße am Silberpapier, bis es sich an der vorgestanzten Linie löst, ziehe eine Zigarette heraus und drehe sie unter meiner Nase.

Wir sitzen, schwitzen, schweigen. Begräbnisatmosphäre.

Die Frau sagt »Washington«, macht eine Pause und blickt in die Kamera. Fjodor küsst den kleinen silbernen Davidstern, den er an einer Kette unter dem Hemd trägt. »Der Internationale Währungsfonds hat sich heute gegen eine Ausweitung der Kreditlinien für Russland ausgesprochen«, sagt die Frau unbeteiligt. Ein Filmbeitrag wird eingeblendet. Ein großer Mann im dunklen Anzug tritt an ein mit Mikrofonen gespicktes Pult. Er ist korpulent, hat ein kantiges Gesicht und graumelierte, lockige Haare. Im Fernseher wird sein Titel eingeblendet: »Frederico Tantani, Leiter Makro-Stabilität, IWF«. Der Mann legt seine Stirn in Falten. »Nach langen Beratungen hat sich das Exekutivkomitee des Internationalen Währungsfonds gegen weitere Stützungsmaßnahmen für Russland entschieden. Für solche Maßnahmen gibt es aus unserer Sicht aktuell und auf absehbare Zeit keine Grundlage«, sagt er.

Fjodor starrt auf seine frisch gewaschenen Hände. Seit einer Affäre mit einer Mitarbeiterin der Weltgesundheitsorganisation gehört er zu den Vogelgrippe-Apokalyptikern. Wann und wo die H5N1-Pandemie mit Abermillionen von Toten ausbricht, ist seiner Meinung nach nur eine Frage der Zeit – und der Handhygiene. Abgesehen davon ist er ein passabler Partner, vielleicht sogar so etwas wie ein Freund. Er ist Anfang der Neunziger aus Usbekistan nach Deutschland gekommen. Angeblich ist er Jude. Aber ich habe ihn in Verdacht, dass er diese Papiere nur gefälscht hat, um leichter an einen deutschen Pass zu kommen. Das war ja damals durchaus nicht unüblich. Jedenfalls ist er auch sonst nicht auf den Kopf gefallen. Wir haben uns beim gemeinsamen Wirtschaftsingenieurs-Studium an der technischen Hochschule in Aachen erst kennen und dann auch schätzen gelernt. Und wir haben vor wenigen Tagen die Empfehlung für dieses Geschäft gemeinsam abgegeben. Eine einzige, hohe Wette auf eine Aufwertung der russischen Staatsanleihen. Alles oder nichts.

Nichts!

Für einen Augenblick tröstet mich das Bild einer vom Vogelvirus entvölkerten Welt. Dann verabschieden sich die BBC-Nachrichten mit ihrer dynamischen Erkennungsmelodie und der Verheißung »making sense of it all«. Ich schalte den Fernseher aus. Danach die Handelsbildschirme. Einen nach dem anderen. Ganz behutsam. Der Abschied von den Zeiten, in denen wir rund um die Uhr auf allen Märkten der Welt auf die Jagd gingen. Der Abschied von der Macht über Geldsummen, von denen selbst die mächtigsten Männer und Frauen der Welt meist nur träumen durften. Der Abschied von der Unsterblichkeit und von so vielem mehr. Kein Sinn! Nirgends!

Ein lautes Knacken. Zwei Dutzend Perlen springen über den Tisch. Mascha spuckt einige weiße Splitter in ihre Hand. Stammen sie von ihren Perlen oder ihren Zähnen? »Wir sind erledigt«, sagt sie heiser und wischt sich etwas Blut aus einem ihrer Mundwinkel. »Allesamt erledigt.«

Suki schüttelt den Kopf. »Wenn die Midas untergeht, zieht sie die Wall Street und das gesamte Weltfinanzsystem mit in den Abgrund. Nein, das können sie nicht zulassen.« Zum ersten Mal seit Wochen huscht die Andeutung eines Lächelns über Sukis Gesicht. »Wir spielen nicht mehr gegen den Markt. Wir spielen jetzt gegen die Regierung, die Federal Reserve und den Internationalen Währungsfonds.« Sie macht eine Pause. »Und ich gebe zu, dieses Spiel beginnt mir zu gefallen.«

Mascha hält sich ihre linke Backe. Immer noch rinnt etwas Blut aus einem ihrer Mundwinkel. Sie ist angeschlagen, aber keineswegs ausgezählt. »Willst du uns verarschen, Suki? Wenn die jetzt die Midas retten und dann abwickeln, brauchen die Fjodor, Wolf und mich nicht mehr. Die brauchen nur dich für die verdammten Zahlen!« Und mit diesen Worten nimmt sie ihre Handtasche und stöckelt mit ihrem schnellen Nähmaschinenschritt aus dem Büro hinaus. Auch Fjodor steht auf. »Mascha hat leider recht,« sagt er. »Das Spiel ist aus, Wolf – auch für uns beide.« Leicht gebeugt schleicht er zur Tür.

Ich aber bleibe sitzen, ignoriere Sukis stechenden Blick, stecke mir die Zigarette an, ziehe den Rauch tief in meine Lungen und schicke vier Jahre Enthaltsamkeit zum Teufel. In irgendeinem versteckten Winkel meiner Seele habe ich immer gewusst, dass dieser Moment eines Tages kommen würde. Dieser Moment, den jeder Spieler fürchtet. Dieser Moment, in dem ihm klar wird, dass er nicht nur seinen Einsatz, sondern auch sein Leben verspielt hat. Und selbst das süchtige Knistern der Glut kann mich nur einen Zug lang von dem ablenken, was draußen vor der Tür auf mich wartet: der Abstieg vom Gipfel der Hochfinanz im 50. Stock Manhattan Midtown auf die Straße.

Freitag, 10. März 2000, Frankfurt

Another flashing chance at bliss

Ein neues Spiel. Ein neues Büro. Nicht mehr Manhattan Midtown in New York, sondern Hanauer Landstraße in Frankfurt – eine Ausfallstraße mit Tankstellen, Autohäusern, Lagerhallen und anderen gewerblichen Zweckbauten. In den Lofts der Umgebung erlebt die New Economy gerade ihre Blütezeit. Jeder, der das Wort »Internet« buchstabieren kann, wird von den Banken mit Geld überhäuft. Es ist eine Riesenparty für Finanzmenschen wie Fjodor und mich.

Nicht einmal zwei Jahre nach dem Midas-Desaster haben wir schon wieder 200 Millionen unter dem Kiel unseres neuen Investmentvehikels, dem »Pequod Future Technologies Fonds« – und mit so einem Sümmchen segelt es sich dieser Tage sehr leicht über die Ozeane der Märkte. Seit dem Mittag haben wir gefeiert und dem Team danach freigegeben. Die Baseballkappen mit der Aufschrift »NEMAX 10.000« liegen noch herum. Aber der Index des deutschen Technologiemarktes hat es diese Woche noch nicht über die nächste »magische Marke« geschafft. Immerhin steht er schon bei fast 9.700 Zählern. Vielleicht klappt es nächste Woche.

Ich lasse einen Champagnerkorken knallen. »Wer hätte das gedacht, Fjodor?«, frage ich und fülle unsere Gläser wieder auf. »Hättest du das für möglich gehalten?« Ich schüttele meinen Kopf. Die Midas wurde tatsächlich Ende September 1998 auf Druck der US-amerikanischen Zentralbank, der Federal Reserve, von einem Bankenkonsortium gerettet. Zu hoch schienen die Risiken für das internationale Finanzsystem. Die Geschäftsführung wurde beinahe komplett ausgewechselt. Auch Fjodor, Mascha und ich mussten gehen. Nur Suki durfte bleiben. Vielleicht musste sie es sogar. Die tiefe Grube, die wir uns geschaufelt hatten und in die wir schließlich gefallen waren, wurde einfach mit Geld zugeschüttet. Die Banken machten gute Miene zum bösen Spiel und die Federal Reserve ließ sich als Weltretter feiern. Auf die gute alte Tante Fed ist einfach Verlass in diesen Dingen. »Auf die 10.000!«, rufe ich übermütig und kippe mein Glas in einem Zug hinunter.

Fjodor betrachtet nachdenklich sein Glas. »Das ist zu gut, um wahr zu sein, Wolf. Und du weißt das.«

»Das Glück des Tüchtigen«, widerspreche ich und fülle nach.

»Bald wird jemand die Musik ausknipsen, die Lichter anmachen, mit dem Finger schnippen und die Menschen aus ihrer Trance erwecken. Und dann werden sich alle überrascht die Augen reiben und mit einem riesigen Kater die Party verlassen.« Er schwenkt unentschlossen sein Glas.

»Seit der Midas-Kiste bist du zum chronischen Schwarzseher geworden, Fjodor.« Ich klopfe auf einen Analystenbericht zu einer neuen Technologieaktie. Eine Kaufempfehlung. Es gibt seit Monaten nur Kaufempfehlungen. »Und was ist hiermit? Glaubst du nicht an das Internet? An die Mobiltelefonie? An Navigationssysteme? An Bio-Technologie? An Erneuerbare Energien?«

»Unser Geschäft hat nichts mit dem Glauben zu tun, sondern mit dem Wissen. Und ich weiß zwei Dinge: Erstens, Leuten wie uns verkaufen Banken keine guten Risiken, sondern nur schlechte. Das ist ihr Geschäft. Zweitens, weder Suki noch Mascha sind in unseren Markt gegangen. Und die beiden sind wirklich smart.«

Da mag er Recht haben. Aber das hat noch niemanden sympathisch gemacht. Außerdem habe ich überhaupt keine Lust, mir meine gute Laune verderben zu lassen. Schon gar nicht heute. »So, was macht sie denn, unsere schlaue Suki?«, frage ich.

Fjodor wiegt den Kopf. »Ein Bekannter aus alten Zeiten hat mir neulich zugeflüstert, dass Suki bei der CIA gelandet ist. Abteilung Geldwäsche oder so etwas in der Richtung. Würde ja auch irgendwie zu ihr passen.« Er trinkt sein Glas aus. »Hast du Neuigkeiten von Mascha?«, fragt er dann.

»Kreditderivate. London«, antworte ich. »Meine« Mascha! Für mich ist sie immer das intelligente Mädchen aus einem in Beton gegossenen Vorort von Moskau geblieben. Ehrgeizig, zielstrebig und ein wenig skrupellos: Physik-Studium an der Lomonossow-Universität, Spezialisierung auf Mechanik. Wahrscheinlich hätte sie eine völlig neue Generation von Atomraketen entwickelt, wenn nicht vorher das Sowjetimperium zusammengekracht wäre. Das war ein verdammtes Glück für den Westen. Denn mit Maschas Wunderwaffen wäre der Kalte Krieg vielleicht anders ausgegangen. Trotzdem meinen manche in London, es wäre wesentlich sicherer für den Kapitalismus gewesen, wenn sie in Russland geblieben wäre und V-Waffen anstelle von Kreditderivaten gebaut hätte.

Zusammen mit der Sowjetunion lösten sich jedoch auch ihre Träume auf. Anfang der Neunziger kam sie mit einem Stipendium nach Princeton, wurde von dort erst an die Wall Street und dann zur Midas geholt. Selbst in den Zeiten unserer heißesten Leidenschaft habe ich sie nie auch nur in Ansätzen für ein gemeinsames Leben in Deutschland begeistern können. Zu eng meine Heimat. Zu weitgesteckt ihre Ziele. »Ihr Deutschen«, hat sie häufig und voller Verachtung gesagt, »habt das Leben mit all seinen Höhen und Tiefen gegen eine gut verwaltete Existenz eingetauscht«. Was sie erleben wollte, waren natürlich vor allem die Höhen, und die hat sie in London gefunden; einer Stadt, in der sie ihren Ehrgeiz widergespiegelt findet. Und auch nicht irgendwo in London, sondern in Knightsbridge. Mehr als zwanzig Milliardäre, mehr als zweitausend Multimillionäre, mehr als zweihunderttausend Angestellte mit einem sechsstelligen Gehalt. Und ein guter Teil davon residiert in ihrer Nachbarschaft.

Ich stecke gerade irgendwo im Treppenhaus zwischen der ersten und der zehnten Million fest. Habe nie ausgerechnet, was ich besitze. Interessiert mich nicht. Ich habe immer nur Augen für das Spiel der Märkte gehabt. Mascha aber ist in den Aufzug gestiegen und befindet sich jetzt auf dem Weg zum ganz großen Geld, auf dem Flug in die Stratosphären des Reichtums. Sie gehört zur Morgan-Mafia, einer kleinen Gruppe von Finanzspezialisten, die den Kreditderivatemarkt zu dem gemacht hat, was er heute ist: ein 20.000-Milliarden-Monster.

»Hast du eigentlich auch die Gerüchte über sie gehört?«, fragt Fjodor.

»Welche Gerüchte?«, frage ich zurück. In Gedanken bin ich bei jenen glorreichen Momenten unserer Beziehung, in denen Mascha ihre sonst eiserne Selbstbeherrschung verlor. Auch sie hat ihre wilden, großzügigen, abgründigen und unterwürfigen Seiten. An einem der Tage nach der Midas-Pleite hat sie mir das noch einmal gezeigt. Und die Erinnerung daran macht mich noch heute ganz verrückt.

Fjodor räuspert sich. »Na, diese Gerüchte, dass sie sich hochgeschlafen hat in ihrer Bank. Und dass sie ein Kind von einem der Oberbosse bekommen hat.« Er blickt auf seine Hände, als hätte er mir gerade eine unheilbare Krankheit übertragen.

Mit einem Schlag bin ich nüchtern. Viel zu nüchtern. Eine Sache ist, nicht mehr mit Mascha zusammen zu sein, eine andere ist, von Maschas neuen Bettgenossen zu hören. Doch ein Kind von einem Anderen, das ist noch einmal eine ganz andere Kategorie. Das ist endgültig. Trinken, da hilft nur Trinken! Als könnte er meine Gedanken lesen, stellt Fjodor eine Flasche Wodka auf den Tisch. »Ich hoffe, du bist nicht abergläubisch«, sagt er, füllt zwei kleine Gläser, die er aus dem Nichts herbeizuzaubern scheint, und schiebt einen Artikel aus dem International Journal of Finance zu mir rüber. Der Titel: »Überbewertungsphänomene am Beispiel der Technologiemärkte: Eine empirische Auswertung aktueller Aktienkurse« Der Autor: Frederico Tantani, Leiter Makro-Stabilität, IWF.

Als ich am Montag nach einem durchzechten Wochenende ins Büro komme, beginnen die Kurse am Neuen Markt auf breiter Front zu fallen.

Der Teufel scheißt immer auf den größten Haufen!

Mittwoch, 13. Dezember 2000, Frankfurt

Savior of the human race

Zu spät!, denke ich, als ich vom Hauptbahnhof kommend die Baseler Straße Richtung Main entlang laufe. Wie immer bin ich zu spät! Überhaupt ist heute alles wie immer. Der erste Schnee in diesem Jahr ist wie immer rechtzeitig angekündigt worden und hat die Stadt wie immer völlig unerwartet getroffen und ins Chaos gestürzt. Busse, U- und S-Bahnen, Nahverkehrs- und Fernzüge – nichts läuft mehr nach Plan. Das Radio warnt vor Verspätungen und Flugausfällen am Airport Frankfurt. Irgendein Problem mit den neuen Enteisungsmitteln. Auf der A3 und der A5 haben sich nach Unfällen kilometerlange Staus gebildet. Das Frankfurter Kreuz ist zu. Der Feierabendverkehr am Bahnhof schiebt sich mühsam vorwärts. Ich rutsche aus und fluche. Der gefrierende Schnee hat die Gehsteige in Eisbahnen verwandelt. Ich fühle mich müde, frostig und zittrig. Vielleicht eine Erkältung, vielleicht auch die ersten Anzeichen des Alterns.

Ich rutsche wieder aus.

Sicher das Alter! Neun Monate, die sich wie neun Jahre anfühlen. Es könnten auch neun Jahrhunderte sein. Der NEMAX hat die »magische Marke« von 10.000 nie durchbrochen, stattdessen ist er gefallen wie ein Stein, den ein unachtsames Kind von einer Brücke geworfen hat. Dabei hat er jede »Widerstandslinie« durchschlagen, die Charttechniker und andere Wahrsager der Finanzmärkte erst gezogen und dann revidiert haben. Inzwischen rauscht er unaufhaltsam auf die 2.000 Zähler zu. Ob er diese Latte auch schon vor Weihnachten oder erst danach reißt, ist nur noch eine Formfrage. Nach fast 80 Prozent Verlusten tut das nichts mehr zur Sache.

Zu spät! Im Rückblick erkennt man alles klar und deutlich: Wir hätten Anfang März aus dem Neuen Markt aussteigen müssen, um noch sauber aus der Geschichte mit dem Pequod Future Technologies Fonds herauszukommen. Im Rückblick, denn einen Ausblick gibt es ja nicht mehr. Zumindest keinen positiven. »Widrige Marktbedingungen.« »Nerven zeigen.« »Bewährungsprobe für die Pequod-Qualitätsstrategie.« So verkaufe ich meinen Anlegern die Lage. Sprache ist ja unendlich geduldig, aber Zahlen sind es nicht. Nein, unsere Aktien würden nie wieder ins Plus drehen. Nicht bis zum Tag des Jüngsten Gerichts und auch nicht danach.

Die Pequod hat so gut wie kein Kapital mehr und wäre schon lange auf Grund gelaufen, wenn ich nicht angefangen hätte, die Zahlen etwas zu schönen. »Cooking the books«, wird das in Amerika genannt. Die Bücher kochen. Nun, ich habe inzwischen meine Meisterprüfung bestanden. Ich hatte keine andere Wahl. War die Pequod im März noch eine ehrliche Würstchenbude, ist sie heute ein raffiniertes Drei-Sterne-Restaurant. Schade, dass die einzigen, die ehrliches Interesse an meinen neu erworbenen Fähigkeiten finden könnten, die Staatsanwälte der Wirtschaftsstrafkammern sind, die gerade im Neuen Markt und seinem Umfeld aufräumen. Nur nicht daran denken! Nur nicht in den Abgrund starren!

Gestern Nacht hatte ich wieder eine Panikattacke. Ich saß wie versteinert auf dem Sofa und konnte mich sicher eine Stunde lang nicht bewegen. Es hat mich schier übermenschliche Willenskraft gekostet, bis meine Hände die Rotweinflasche und das Pillenröhrchen auf dem Tisch direkt vor meiner Nase erreichten. Und auch dann habe ich noch vor Anstrengung gekeucht, bis ich mir genügend Alkohol und Barbiturate eingeflößt hatte, um wieder halbwegs funktionstüchtig zu werden. Erst als sie im Fernsehen die Meldung brachten, dass der Supreme Court der Vereinigten Staaten die Neuauszählung der Stimmen in Florida für verfassungswidrig erklärt hatte, die das Kopf-an-Kopf-Rennen zwischen Bush und Gore um die amerikanische Präsidentschaft eventuell für Letzteren entschieden hätte, entspannte ich mich etwas. Da musste ich sogar in meiner gegenwärtigen Lage lachen. »Cooking the books« ist sicher keine amerikanische Erfindung. Aber die US-Republikaner haben diese Technik in eine völlig neue Dimension geführt.

Irgendwann nach Mitternacht klingelte dann das Telefon. Ich weiß nicht, warum ich den Hörer abgehoben habe. Seit ich fast nur noch anonyme Drohanrufe bekomme, gehe ich weder an den Festnetzapparat noch ans Handy. Ich höre mir immer erst die Nachricht an und rufe dann zurück.

»Sind Sie Herr Willarth? Wolfgang Willarth?«, fragte eine merkwürdig pfeifende Stimme.

Der übliche Drohanruf, dachte ich und legte meinen Finger schon auf die Gabel, als die Stimme fragte: »Der Sohn von Elsa Willarth? Geboren Anfang Juli 1969?«

»Mag sein«, antworte ich vorsichtig. »Aber wer sind Sie? Und warum wollen Sie das wissen?«

»Verzeihen Sie«, sagte er. Die Stimme wurde leise. Ich musste mich konzentrieren, um den Mann zu verstehen. »Spandler, mein Name. Fotograf. Ich habe eine Sache von größter Wichtigkeit mit Ihnen zu besprechen. Persönlich.« Und so sehr ich mich auch bemühte, mehr von ihm zu erfahren, der Mann namens Spandler wollte sich partout nicht darauf einlassen. Es sei eine Angelegenheit, die er mir von Mensch zu Mensch mitteilen wolle, wiederholte er das eine um das andere Mal. Und ich solle ein Foto meiner Mutter mitbringen. Aus dem Jahr 1968 wenn möglich. War es ein Fehler, sich darauf einzulassen? Wartet vielleicht doch eine Falle auf mich? Ein geprellter Anleger, der Rache nehmen will?

Schließlich stehe ich im Schneegestöber vor einem alten Mietshaus in der Gutleutstraße. Ich sehe mich um. Auf der gegenüber liegenden Straßenseite liegt ein namenloser, verdreckter und von mehrspurigen Straßen abgeschnürter Park, der in der Stadt hauptsächlich für die Zigeuner bekannt ist, die dort im Sommer campieren. Auch das Haus selbst mit seinen mehrfach überklebten Klingelschildern macht einen heruntergekommenen Eindruck. Nicht die Art von Umgebung, in der man einen geprellten Zielkunden der Pequod vermutet. Immerhin hatten wir eine Mindestanlage von 20.000. Außerdem, was gibt es Verführerischeres für einen bankrotten Spieler als die Einladung zu einem neuen Spiel mit unbekannter Wahrscheinlichkeit und ungenanntem Einsatz? Ich drücke die Klingel neben dem handgeschriebenen Namen »Spandler«.

Die Tür öffnet sich ohne ein weiteres Wort aus der Gegensprechanlage. Ich betrete ein Treppenhaus, das altmodisch nach Bohnerwachs riecht. Eine steile, enge Treppe führt hinauf bis ins Dachgeschoss. Als ich oben ankomme, spüre ich die sieben Kilo Mehrgewicht seit März und die zwei Schachteln Kippen pro Tag. Mir wird kurz schwarz vor Augen, dann sehe ich einen Mann von gut sechzig Jahren mit fahlem Gesicht und eingefallenen Wangen. Er mustert mich neugierig und bittet mich herein.

Die Wohnung ein einziges Durcheinander. Überall stapeln sich Zeitschriften und Bildbände. An den Wänden hängen Schwarz-Weiß-Fotos. Alle Konflikte der letzten Jahrzehnte scheinen vertreten: von Vietnam bis Tschetschenien, Bilder voller Elend und Verzweiflung. Und selbst die freundlichen Details, die sich hier und da finden – spielende Kinder zwischen ausgebrannten Panzern, ein selbstvergessener Soldat an einem Klavier zwischen zerbombten Häusern – verstärken nur den Kontrast. Am Krieg scheint sich in einem halben Jahrhundert nicht viel verändert zu haben.

Wir gehen in die Küche. Der Alte räumt zwei Stühle frei, auf denen dicke Packen mit Fotos liegen. Sie zeigen Flüchtlingsschiffe mit Afrikanern. Die meisten sind schräg von oben aufgenommen. Ein Blick hinunter in misstrauische Augen, auf ausgemergelte Schattengestalten. Wahrscheinlich hat er sie irgendwo im Mittelmeer oder im Atlantik gemacht, von den Fregatten der spanischen oder italienischen Küstenwache aus. »Die große Wanderung«, sagt Spandler und streicht zärtlich über die Bilder. »Mein letztes Projekt. Wird leider unvollendet bleiben.« Er klopft sich auf die Brust. »Die Ärzte geben mir nicht mehr lange. Ich werde es wohl nicht mehr vollbringen: dieses eine Foto, auf das jeder Fotograf sein Leben lang wartet. Das Bild, das alles ändert. Ich sehe es vor mir: ein kleines, dürres afrikanisches Kind am Strand, umringt von europäischen Soldaten und im Hintergrund fette, alte, weiße Touristen beim Badeurlaub. Wissen Sie, wie viele allein über die Kanaren versuchen, nach Europa zu kommen?«

»Nein.«

»Vierzigtausend fahren los. Und kaum mehr als dreißigtausend kommen an. Und wissen Sie, warum Sie flüchten?«

Ich schüttele den Kopf.

»Weil die europäischen Fangflotten ihnen die Küsten leerfischen.«

Mir schwant, dass die Antwort komplizierter ist. Aber das aufzudröseln, ist weder meine Aufgabe noch die dieses sterbenden Mannes, der mich jetzt griesgrämig anblickt und sagt. »Das wollen Sie wohl gar nicht wissen. Ist auch besser so. Macht einen nur kaputt.« Er dreht mir den Rücken zu, hantiert in seiner Küche und stellt dann mit fahrigen Bewegungen eine Kanne mit Tee und zwei Tassen auf den Tisch.

»Ich hoffe, Sie haben etwas Zeit mitgebracht«, sagt er. »Es geht um ein Konzert im Jahr 1968. Ein Konzert von den Doors, das ich damals als Fotograf für die Frankfurter Rundschau begleitet habe.« Er hustet, verzieht sein Gesicht und blickt eine Weile ausdruckslos vor sich hin, oder auch nur nach innen hinein in seine verfaulenden Organe. Was immer er dort sieht, scheint ihm nicht zu gefallen. Seine Stirn legt sich in Falten. »Ich weiß nicht, wie Sie das sehen, aber ich finde, die Welt hat sich genau in den zynischen Albtraum verwandelt, vor dem Jim Morrison und die anderen uns in den Sechzigern immer gewarnt haben.«

Er schenkt den Tee aus und beginnt zu erzählen. Die Band kam Mitte September jenes Jahres nach Frankfurt, um Fernsehaufnahmen zu machen und einige Konzerte zu geben. Spandler hat die vier Doors fast die ganze Zeit begleitet, aber sein Eindruck war, dass Jim Morrison von Anfang an nicht ganz bei der Sache war. Der Sänger interessierte sich nicht für die Zukunft, er lebte im Jetzt. Als das Fernsehteam Aufnahmen von Jim am Frankfurter Römer machen wollte, flüchtete er ohne Vorwarnung in die nahegelegene Nikolaikirche, wo er einige der von seinen Geistern verfassten Gedichte von der Kanzel las, auf der Orgel spielte und ausrief: »Ich singe, was andere nicht sagen. Ich bin ein Poet. Ich möchte dieser Welt Dinge kundtun, die wichtig sind.« Und als der Tourneemanager ihn abends zum Konzert abholen wollte, versteckte er sich auf einem Baum im Hotelgarten, ließ sich – wie die Tage zuvor – mit einem billigen Fusel namens »Goldener Oktober« volllaufen und verkündete später: »Ach, betrunken zu sein ist so eine gute Verkleidung. Ich trinke, damit ich mich mit Arschlöchern unterhalten kann. Und dazu zähle ich auch mich selbst.« Für Jim gab es – so Spandler – im Grunde nur zwei Konzepte, mit denen sich ein Mann lebenslang auseinandersetzen musste: sein Schwanz und sein Tod.

Das Frankfurter Konzert war dann auch ein ziemlicher Reinfall. Die Gruppe begann mit langsamen, nachdenklichen Stücken, doch das Publikum wollte andere Songs, die großen Hits. Morrison bat: »Lasst mich bitte noch einen einzigen leisen Blues singen!« Doch die Rufe nach Light My Fire wurden lauter. Es kam, wie es kommen musste. »Also gut, ihr Arschlöcher, dann singe ich euch eben dieses Scheißlied!«, schrie Morrison. Lieblos leierte er das Stück herunter. Und als ein Trupp in Deutschland stationierter amerikanischer Soldaten mit dem Regimentsbanner in Richtung Bühne zog, riss er die Fahne ab, knüllte sie zusammen und wischte sich den Hintern damit ab. Sofort kam es zum Tumult. Erst die Ordner konnten die erbosten Soldaten wieder ins Publikum zurückdrängen. Jim verschwand von der Bühne. Die anderen drei Doors beendeten den Song auf ihren Instrumenten und schlichen betreten davon.

Verwirrt verließen die Fans den Saal und diskutierten den Vorfall im Foyer. Doch nach einiger Zeit hörten sie verhaltene Gitarrenakkorde und Morrisons Stimme. Zusammen mit einer Handvoll anderer Enthusiasten, die das Gelände noch nicht verlassen hatten, eilte Spandler zurück: Die Doors standen wieder auf der Bühne! Und nun war die Stimmung da. In fast völliger Dunkelheit spielte Jim den Blues, den er sich gewünscht hatte. Unheimlich klang seine Stimme durch den fast leeren Saal. Im spärlichen Licht der roten Kontrolllämpchen spielten die Doors auch noch Little Red Rooster, Me And The Devil Blues, When The Music’s Over und schließlich The End.

»Tja, Herr Willarth, und damit sind wir bei Ihnen«, endet auch Spandler seine Erzählung. »Sie haben doch an das Foto gedacht, oder? Darf ich es sehen?« Ich reiche ihm ein Bild meiner Mutter auf einem Ausflug in den Rheingau. Inmitten einer Traube von Mädchen. Blutjung. 1968 war sie auf der Schwesternschule in Frankfurt. Er nimmt den Abzug behutsam in seine Hand, kramt eine Lupe unter irgendeinem Stapel hervor und zieht eine Mappe aus einem anderen Stapel. »Das ist die Fotoserie von jener Nacht.« Er winkt mich zu sich heran. Gemeinsam gehen wir die Bilder durch. Eins nach dem anderen. Und plötzlich taucht auf einem eine Frau auf, die meiner Mutter ähnlich sieht.

Es ist ein großformatiges, grobkörniges Schwarz-Weiß-Foto. Man sieht den Rand einer Bühne und ein paar Dutzend verschwitzte Menschen mit verklärten Gesichtern. Da sind GIs in Uniform, Mädchen in Minis, Frauen mit auf die Wangen gemalten Blümchen, Jungen in langen Mänteln und sogar ein paar Burschen im Konfirmationsanzug mit Krawatte und Taschentuch. Alle tragen weite Krägen und Hosenaufschläge. Ziemlich genau in der Mitte steht eine junge Frau, die halb von einem athletisch gebauten amerikanischen Soldaten verdeckt wird. Sie trägt ein schlichtes, gerade geschnittenes Kleid und starrt völlig entrückt in Richtung Bühne.

Ich sehe mir die Frau genau an. Das Gesicht ist nur grob abgebildet. Eine junge Frau mit klaren Zügen. Ein Mädchen noch. Hübsch anzusehen. Auf die Entfernung der Jahre schwer zu sagen, wie ähnlich sie meiner Mutter sieht. Aber da ist diese Halskette. Eine dünne Kordel mit runden Scheiben, die nach außen hin kleiner werden. Genau so eine trägt meine Mutter auch auf dem Foto vom Ausflug.

Spandler ist Pressefotograf, also hat er auf die Rückseite von den Fotos die Namen der abgebildeten Personen geschrieben. Doch der Name meiner Mutter fehlt. Wir kommen zum letzten Stapel. Die Fotos sind nach dem eigentlichen Konzert aufgenommen, als Jim von der Bühne sprang und mit einigen Fans tanzte. »Einen wilden Schamanentanz«, wie Spandler meint. Und da ist tatsächlich ein Bild von Jim mit jener Frau, die meine Mutter sein könnte. Nur die beiden. Völlig verschwitzt. Mit überraschtem Gesichtsausdruck. Als hätte man sie bei etwas ertappt. Und hinten auf dem Bild steht wirklich ihr Name! Da steht »Elsa Willarth«.

Spandler legt das Foto aus dem Rheingau neben die beiden Fotos vom Konzert und studiert alle drei eingehend mit der Lupe. »Sie ist es«, sagt er zufrieden. Er tippt auf die Kette, die auf allen drei Fotos zu sehen ist. »Kein Zweifel.« Er erhebt sich mühsam, öffnet einen Küchenschrank und kommt mit einer Flasche Whisky und zwei Gläsern an den Tisch zurück. »Sie haben das Ende der Geschichte noch nicht gehört, Herr Willarth. Hat Ihre Mutter oder hat irgendjemand in Ihrer Verwandtschaft jemals über Ihren Vater mit Ihnen geredet?« Er füllt die Gläser mit Whisky und reicht mir eines davon.

Ich schüttele den Kopf. »Sie starb sehr früh. Sie ist nur eine ganz blasse Erinnerung für mich.« Ich trinke hastig. Der Whisky rennt mir brennend die Kehle hinunter, um dann heiß in meinem Magen zu explodieren. »Manchmal werfe ich mir das vor. Ich stehe an ihrem Grab, aber irgendwie kann ich keinen Kontakt zu ihr aufnehmen. Da ist keine Wärme, nur Kälte, Wut und Enttäuschung.«

Spandler setzt sich wieder. Er atmet jetzt kurz und flach. Seine Hände zittern. Nach einem kräftigen Schluck bringt er sich wieder unter Kontrolle. »Im Juni 1971 habe ich Jim in Paris noch einmal getroffen. Nur wenige Tage vor seinem Tod. Er hing den ganzen Tag mit einem unheimlichen Typen ab, der ihm sehr ähnlich sah. Er nannte ihn Otani oder Atoni oder irgendetwas in der Richtung.«

»Tantani?«, frage ich ungläubig.

Er zuckt die Schulter. »Keine Ahnung. Jedenfalls wollte Morrison über dieses Mädchen mit mir sprechen. Das Mädchen, das er auf seinem Frankfurter Konzert kennen gelernt hatte. Er hatte davon geträumt, dass sie einen Sohn von ihm bekommen hat und dass sie in großer Gefahr war.« Er macht eine kurze Pause. »Jim war so ein Wanderer zwischen den Welten, wissen Sie? Die Doors waren nicht wirklich eine Band, sie waren die Vermittler zwischen uns und einer neuen Wirklichkeit. Oder doch zumindest einer Möglichkeit. Sie haben uns die Türen dorthin weit aufgestoßen. Nur waren wir immer zu feige, auch durch diese Türen zu gehen.«

Ich starre auf das Foto, das Spandler nach dem Konzert von Mutter und Jim aufgenommen hat. Der merkwürdige Sänger mit seinen mittellangen Haaren und den brennenden Augen und die Frau, so schüchtern und so erleuchtet. Ich hätte kurz davor oder danach entstanden sein können. In irgendeiner düsteren Ecke hinter der Bühne. In einem Moment der Schwäche. Etwas hastig und improvisiert. Im Rausch der Musik. Was weiß man schon über seine Mutter, bevor sie zur Mutter wurde? Wenig. Eigentlich nichts. Die ganze Geschichte kommt mir vor wie ein wirrer Traum. Vielleicht habe ich auch nur Angst davor, durch die Tür zu gehen, die sich mir gerade eröffnet hat. Angst davor, die Möglichkeit zu Ende zu denken, die mir Spandler gerade vorgeschlagen hat. Mein Kopf summt von Fragen.

Aber Spandler winkt ab. »Das war’s für heute, Herr Willarth«, sagt er und zeigt in eine Ecke der Küche. Dort steht leicht von einem Vorhang verdeckt eine Sauerstoffflasche mit Schlauch und Atemmaske, die mir bis jetzt nicht aufgefallen ist. »Und vielleicht für immer. Ich bin erschöpft. Nur eines noch.« Er hält einen vergilbten Umschlag hoch. »Jim gab mir damals dieses Gedicht mit. Ich weiß nicht, ob es ursprünglich für Ihre Mutter oder für Sie bestimmt war. Wahrscheinlich für Sie beide. Ein Reim. Es hat nicht die Tiefe oder die Struktur seiner sonstigen Poesie. Es ist eher eine Prophezeiung. Aber es ist seine Handschrift. Ich habe das von Experten untersuchen lassen.« Er legt den Umschlag in die Mappe zu den Fotos. Dann noch ein umfangreiches Schriftstück, das wie ein Gutachten aussieht. Schließlich gibt er mir das Bündel. »Das wäre wirklich eine tolle Story geworden nächstes Jahr zu seinem 30. Todestag. FRANKFURTER REPORTER FINDET LEIBLICHEN SOHN VON JIM MORRISON«, sagt er traurig. »Ich wäre unsterblich geworden.« Er hustete lange und schrecklich. Dann zeigt er Richtung Haustür. »Unsterblich«, höre ich ihn noch heiser lachen.

Sobald ich zu Hause bin, öffne ich den Umschlag mit Jim Morrisons Prophezeiung. Der Text ist wirr und die Voraussagen stimmen mich nicht gerade zuversichtlich: Einsturz der Tempelmauern, Krieg im Prophetenland, Verlust des Kristallschiffs, blutrote Flüsse, Schattenreiter und so weiter. Einzige Rettung: der Sohn des Sängers und ein ominöses Schwert. Ich kann nicht viel damit anfangen. Spandler muss noch mehr wissen. Aber so oft ich auch anrufe und bei ihm klingele, er rührt sich nicht mehr. Erst als ich im Januar den Nachruf auf ihn in der Frankfurter Rundschau lese, wird mir klar, was ich ihm die ganze Zeit hatte sagen wollen: Das eine Foto, das alles verändert, hatte er schon lange gemacht – 1968 in Frankfurt!

Aber ich bin zu spät. Wie immer zu spät.

Dienstag, 3. Juli 2001, Paris

The days are bright and filled with pain

Gegen Mitternacht steht Fjodor plötzlich grinsend in meiner Wohnungstür. Er umarmt mich fest, beglückwünscht mich herzlich zum Geburtstag und teilt mir mit, dass wir eine Verabredung in Paris haben. Mit meinem Vater. Außerdem sei es an der Zeit, endlich der Prophezeiung auf den Grund zu gehen.

Normalerweise hätte ich so etwas als Schnapsidee abgetan. Aber Fjodor und ich haben die letzten Wochen in holzgetäfelten und verschwiegenen Wirtschaftskanzleien verbracht, wo uns erst langsam und dann immer schneller aufgegangen ist, dass wir uns etwas mehr um den verhassten »Papierkram« der Pequod hätten kümmern sollen. Wir haben uns ja immer als Revolutionäre gesehen, die über den neuen Markt auch die neue Gesellschaft erschaffen würden. Flexibel, weltoffen, schnell, risikobereit, humorvoll. Alles, was in Deutschland fehlt. Doch Kleinigkeiten wie die ordentliche Dokumentation von Kundengesprächen, um die sich geniale Finanzjongleure wie wir schon aus Prinzip nicht gekümmert haben, gewinnen in den Händen von Rechtsanwälten plötzlich eine enorme Bedeutung. Von der Insolvenz zur Insolvenzverschleppung ist es bei näherer Betrachtung nur ein kleiner Schritt. Und zwischen Fahrlässigkeit, grober Fahrlässigkeit und Betrug liegen sehr schnell nur noch juristische Millimeter. Aus einem undeutlichen rechtlichen Restrisiko ist fast schon die Gewissheit geworden, die nächsten zehn Jahre lang von geprellten Anlegern vor Gericht gezerrt zu werden.

Da kommt etwas Ablenkung gerade recht. Und so fahren wir zwei Stunden, nachdem Fjodor bei mir geklingelt hat, über die A6 Richtung Frankreich und er erzählt mir den neuesten Tratsch über Mascha. Nach allem, was er über seine Kontakte in Erfahrung bringen konnte, hat sie sich schon wieder bis aufs Blut mit ihrem Top-Banker und Ehegatten zerstritten. Über die Gründe kursieren zwei Versionen in der Londoner City, die beide nur so vor Schadenfreude triefen. In der einen Version soll ihr Mann sie beinahe öffentlich betrogen haben. Das Ganze soll sich zugetragen haben, als die beiden einige wichtige Persönlichkeiten der Londoner Finanzszene zu sich nach Hause eingeladen hatten. Während Mascha im Erdgeschoss die Gäste bewirtete, habe ihr Mann im ersten Stock das chinesische Kindermädchen vernascht – oder das Mädchen ihn. Dieses Detail lässt sich wohl nicht eindeutig klären und ändert nichts am Ergebnis. In der anderen Version hat ihr Mann sie vor versammelter Führungsmannschaft der Bank, für die sie beide arbeiten, in erniedrigender Weise für ihre enttäuschenden Quartalszahlen zurechtgewiesen.

Nach übereinstimmender Schilderung kam es im Wohnzimmer des gemeinsamen Hauses in Kensington daraufhin zu einem epischen Krach, der darin gipfelte, dass Mascha ihren Mann rausschmiss. Zwei Tage später ließ er während ihrer Abwesenheit alle Möbel aus dem Haus holen – mitsamt der Küche, die ausgebaut wurde. Auch kündigte er sämtliche Verträge, inklusive Wasser, Strom, Gas und Telefon. Dann schrieb er eine E-Mail an den Führungskräfte-Verteiler der Bank, in der er ihre Karriere mit den Worten »hat sich hochgebumst, war eine Nervensäge, wurde schwanger und ist jetzt ein fettes, böses Weib« zusammenfasste und feuerte sie. Mascha reagierte prompt. Sie klagte vor einem Londoner Gericht auf Wiedereinstellung und gleichzeitig vor einem New Yorker Gericht auf Schadenersatz in Höhe von 100 Millionen Dollar wegen sexueller Diskriminierung. Das ließen weder ihr Ex-Mann noch ihre Ex-Bank auf sich sitzen, und inzwischen hat Mascha so viele Gegenklagen am Hals, dass sie mehrere Anwaltsteams gleichzeitig beschäftigt. Darunter ist auch ein Sorgerechtsverfahren wegen angeblicher Verwahrlosung der Tochter in einem unmöblierten und ungeheizten Haus sowie wegen Gefährdung des Kindes aufgrund von psychopathologischen Auffälligkeiten der Mutter, das ihr Ex-Mann angestrengt hat. Wie es aussieht, ist es inzwischen fast egal, wie die Sache ausgehen wird, Mascha kann ihre Karriere beerdigen und muss vielleicht sogar ihre Tochter abschreiben. Eigentlich sollte mich das mit Mitleid erfüllen. Tut es aber nicht. Im Gegenteil. Es erfüllt mich mit tiefer, grimmiger Befriedigung.

»Mascha ist am Ende«, sagt Fjodor. »Und wir beide auch. Warum rufen wir das Team nicht wieder zusammen und gründen einen neuen Fonds?«

»Einen neuen Fonds? Nach zwei Schiffbrüchen? Bist du von Sinnen?«, fährt es mir raus.

»Bei der Midas hatten wir einfach Pech.«

»Und die Pequod?«

»Das ist Realwirtschaft!«, sagt Fjodor. Es schwingt fast so etwas wie Verachtung in seiner Stimme mit. »Unternehmen, Innovationen und Arbeitsplätze zu finanzieren – das hat doch mit Finanzwirtschaft des 21. Jahrhunderts nichts zu tun.«

»Deine Alternative?«

»Ich möchte einen Fonds bauen, der nicht auf das Funktionieren der Märkte wettet, sondern auf ihr Versagen. Wir spielen das Moral-Hazard-Spiel, genau wie die Großen auch. Wir investieren billig in Staatsanleihen von Krisenstaaten und wetten darauf, dass diese Länder von der Staatengemeinschaft gerettet werden. Wir setzen auf ›too big to fail‹.«

»Unsere Gewinne werden dann aus Steuergeldern finanziert?«

»Eben. Das ist viel verlässlicher als die Gewinne in der Realwirtschaft.«

»Aber Moral Hazard? Wer möchte schon in einen Fonds investieren, dessen Investmentphilosophie sich nach einem moralischen Risiko anhört?«, frage ich.

»Wir nennen die Strategie einfach viel vornehmer, so wie alle anderen auch: ›Global Macro‹.«

»Die Linke nennt so etwas schlicht einen ›Geierfonds‹.«

»Die Linke«, schnaubt Fjodor verächtlich. »Die Kommunisten standen zum letzten Mal auf der richtigen Seite der Geschichte, als sie sich gegen Hitler gestellt haben. Dummerweise haben sie das im gleichen Moment entwertet, weil sie sich Stalin angeschlossen haben.«

»Die Auswahl damals war ja auch überschaubar, oder?«, sage ich, werfe den CD-Spieler an, drehe die Lautstärke hoch und drücke das Gaspedal nach unten. Mein Ausschnitt der Welt reduziert sich auf den Lichtkegel der eigenen Scheinwerfer, die Rückleuchten der vorausfahrenden Autos und das regelmäßige Flackern der Strichlinie zum Nachbarstreifen. Dazu der Sound der Doors und die morbide Lyrik von Jim Morrison. Hypnotisch. Ich fühle mich in bewegungsloser Schwebe, während sich die Straße von selbst unter den Rädern abspult.

Vier Stunden später gleiten wir durch ein frühmorgendlich verlassenes Paris, weite Straßen, stille Häuser, grauer Stein – mehr Traum als Wirklichkeit. Fjodor hat an alles gedacht. Wir trinken unseren Kaffee standesgemäß im Hotel »Crawling King Snake«. Die Toiletten des Hotels sind mit Teppichfliesen in psychedelischen Farben ausgekleidet und auch der Rest der Einrichtung erinnert an Selbstversuche mit LSD. Alles ganz im Stil der Siebziger. Danach machen wir uns auf den Weg zum Friedhof Père Lachaise. Die Luft ist leicht und frisch. In der frühen Sonne prickelt sie wie Champagner. Der Himmel ist von einem tiefen, klaren Blau und taucht die Stadt in ein plastisches, fast magisches Licht.

Am Haupteingang des Père Lachaise kaufen wir einen Friedhofsführer, laufen die breite Hauptallee hinauf und biegen schließlich links in einen baumbeschatteten, geschwungenen Weg ein. Der Friedhof ist wie eine Stadt in der Stadt. Die Grabhäuser stehen an Haupt- und Nebenstraßen mit eigenem Namen und eigenem Bezirk. Von Pierre Abaelard bis Oscar Wilde liegt die halbe Kulturgeschichte des Abendlandes hier begraben – und natürlich Jim Morrison.

Seine letzte Ruhestätte ist schon von Weitem an den Polizisten und den privaten Sicherheitsleuten zu erkennen, die sich dort herumtreiben. An seinem 20. Todestag 1991 mussten randalierende Doors-Fans mit Tränengas auseinandergetrieben werden. Heute an seinem 30. Todestag werden 10.000 bis 20.000 Fans erwartet. Aber als wir näherkommen, sieht es eher nach ein paar Hundert aus, und die scheinen friedlich.

Morrisons Grab wird von zwei eisernen Absperrgittern geschützt und besteht aus festgestampfter Erde, die von einer schmucklosen, abgeschlagenen Steinfassung eingerahmt wird, und einem einfachen quaderförmigen Granitstein am langen Ende. In den Stein ist eine Bronzetafel mit einer verwitterten Inschrift eingelassen. KATA TON DAIMONA EAYTOY, steht dort in griechischer Schrift. Laut Friedhofsführer lautet die Übersetzung »Hier liegt er mit seinen Dämonen«, alternativ »Ich schuf meinen eigenen Dämon«. Auf dem Grabstein liegen Dutzende von frischen Blumensträußen. Wir legen unsere Blumen dazu und stehen eine Weile da. Am Grab des Mannes, der vielleicht mein Vater ist.

Seit meinem Treffen mit Spandler habe ich viele Bücher über ihn gelesen, mich in seine Musik eingehört und in seine Poesie eingelesen. Aber in diesem Augenblick fühle ich nichts, rein gar nichts. Keine Verbundenheit, keine Wärme, kein Wiedererkennen. Enttäuscht will ich schon wieder gehen, als ich merke, dass mich etwas an diesem Ort hält. Doch bevor ich mir über meine Gefühle klar werden kann, schlägt irgendjemand eines von Jims Liedern auf der Gitarre an.

Indians scattered on dawn’s highway bleeding / Ghosts crowd the young child’s fragile eggshell mind / Blood in the streets in the town of New Haven / Blood stains the roofs and the palm trees of Venice / Blood in my love in the terrible summer / Bloody red sun of Phantastic L.A.

Plötzlich flackert für einen Augenblick ein Albtraumbild vor meinen Augen auf: Wüste. Rotes Blut auf schwarzem Asphalt. Verstreute Gliedmaßen. Verstümmelte Körper. Menschen, die sich krümmen. Und andere, die still und tot daliegen. Aber bevor ich es festhalten kann, ist es schon wieder verschwunden. Und je länger wir danach am Grab verweilen, desto klarer wird mir, dass jeder einzelne der Doors-Pilger, die hier an Morrisons Todestag singen, schweigen, tanzen, küssen, meditieren oder diskutieren, mehr Anrecht darauf hat, sich als sein Sohn oder seine Tochter zu fühlen als ich. Jeder hier scheint eine engere emotionale Bindung zu ihm zu haben. Wie hatte Morrison gesagt: »Ich weiß nicht, ob die Leute auf Erlösung aus sind oder von mir erwarten, dass ich sie zum Heil führe. Der Schamane aber ist ein Heiler – wie der Medizinmann. Ich sehe mich nicht als Erlöser. Der Schamane hat Ähnlichkeit mit dem Sündenbock. Ich sehe die Rolle des Künstlers als Schamane und Sündenbock. Die Leute projizieren ihre Fantasie auf ihn und ihre Fantasien werden lebendig. Die Leute können ihre Fantasien zerstören, indem sie ihn zerstören.«

Vielleicht hat er sich für die ganze Hippie-Generation ge opfert, sich stellvertretend für seine Zeitgenossen selbst zerstört. Wie auch immer, ich bin neidisch auf die Fans hier am Grab. Ihr Herz scheint rein und klar. Aber sie haben es auch leichter. Sie konnten Morrison für sich entdecken. Sie konnten ihn adoptieren. Bei mir ist es aber genau umgekehrt. Er hat mich entdeckt und adoptiert. Er ist mit der Brechstange in mein Leben eingebrochen. Und ich habe noch keine Ahnung, was ich davon halten soll. Denn wenn er wirklich mein Vater gewesen ist, dann gibt es natürlich etwas mehr zwischen uns zu besprechen als »Live fast, love hard, die young«. Da ist meine Mutter gewesen, die er schwanger und schutzlos im Deutschland der Sechziger Jahre zurückgelassen hat. Und da bin ich gewesen, der immer nach einem Vater gesucht hat. Aber ganz sicher einen anderen als ihn. Eher einen etwas langweiligen, aber grundgütigen Vater. Einen Vater der kleinen Dinge und nicht der großen Gesten.

Es scheint klar, dass Morrison zwar aufgrund der biologischen Gegebenheiten des Menschen Vater hätte werden können, aber aufgrund der psychologischen Gegebenheiten seines Charakters niemals hätte Vater sein können. Andererseits, wenn man mehr als drei Jahrzehnte ohne Vater zurechtkommen musste, hat man auch keine Lust, ihn gleich wieder vor die Tür zu setzen. Denn die Möglichkeit einer anderen Vergangenheit macht mir auch Hoffnung auf eine andere Zukunft. Und diese Hoffnung brauche ich mehr denn je.

Fjodor interessiert sich wenig für meine Fragen und Probleme mit der Situation, dafür umso mehr für Morrisons Prophezeiung. Da wir nichts damit anfangen können, wollen wir eine Expertin dazu befragen, die er aufgetrieben hat. »Ein führendes Medium«, wie Fjodor mir geheimnisvoll angekündigt hat. Treffpunkt ist eines der Cafés, die gegenüber dem Gare du Nord gelegen sind. Als wir das Café am frühen Nachmittag betreten, zeigt er auf eine ältere Frau am Fenster, auf deren Bistro-Tischchen ein esoterisches Heftchen liegt: »Nostradamus – die Zukunft steht in den Sternen«. Sie trägt kurzgeschnittenes, stahlgraues Haar, große Ohrringe, eine schmale Kette mit kleinem Kreuz, beides in Silber, und ein schwarzes Kostüm mit einem schwarzen Rolli darunter.

»Madame Murrant?«, fragt er, als wir an ihren Tisch treten.

Sie schreckt hoch. »Sie sind zu spät«, sagt sie säuerlich. »Eigentlich habe ich gar keine Zeit.«

»Würde es Ihnen später besser passen?«

»Nein, nein«, sagt sie jetzt empört. »Morgen habe ich überhaupt keine Minute mehr frei und übermorgen gibt es die Welt vielleicht nicht mehr.«

Wir setzen uns.

Mit spitzen Lippen nimmt sie einen Schluck Kaffee und zündet sich eine dieser ultradünnen Zigaretten an, bei denen ich mich immer gefragt habe, wer die noch raucht. »Gar furchtbar klingen sie überall, / Schwarze Posaunen mit dunklem Schall. / Von Nord, von Ost, von Süd, von West, / Die vier Namen des Tieres und seiner Pest«, zitiert sie. »So steht es in der Prophezeiung, die Sie mir geschickt haben. Und weiter: Die vier Namen des Tieres sind gesprochen, / Die vier Siegel schon gebrochen.« Sie zeigt auf eine Stelle im Stadtplan von Paris. »Da! Das offene Buch, ein Freimaurer-Symbol, erscheint genau viermal in der Fassade der Nationalbibliothek.«

»Und was soll das bitte bedeuten?«, frage ich.

»Der Antichrist wird nächstes Jahr exakt am ersten Januar nach Paris kommen.« Triumphierend lehnt sie sich zurück.

Der Antichrist! Na das kann ja heiter werden! Auf diese Nachricht hin bestelle ich Fjodor und mir erst einmal ein Glas Rotwein zur Stärkung.

Madame Murrant führt nun aus, dass die politische Klasse in der französischen Kapitale Ketzertempel errichtet habe, die auf einer »Achse der Häresie« angeordnet seien. Ihr erster Punkt sei die im Louvre archivierte Vergangenheit, ihr zweiter die im Arc de Triomphe manifestierten militärischen Erfolge und ihr dritter weise in jene düstere Zukunft, die im Geschäftsviertel La Défense vorbereitet würde – der totalen Herrschaft des Mammon. In Analogie zur »via sacra« des aufrechten Christentums habe diese Achse die Symbole des Herrn durch die sektiererischen Zeichen der Ungläubigen ersetzt, so ihre lückenlose Beweisführung. Mit der Voraussage »Das Böse wird über uns kommen und nur das Schwert der Engel kann uns noch retten« beendet sie ihre Ausführungen. Dann bemerkt sie, dass ich nicht ganz bei der Sache bin und blickt mich böse an. »Worum geht es nun genau, meine Herren?«

Fjodor zeigt auf mich. »Er ist der Sohn von Jim Morrison. Die Prophezeiung war für ihn bestimmt.«

Sie lacht. »Jim Morrison war nur drei Monate in dieser Stadt. Aber was meinen Sie, wie viel Irre sich für seine Kinder halten? Da hätt’ der arme Jim ja den ganzen Tag nur das Eine tun müssen. Und was die sich so zusammenspinnen. Manche behaupten sogar, er habe seinen Tod nur fingiert und sei in Wirklichkeit abgetaucht. Irgendwo in Südostasien.«

Fjodor lässt nicht locker. »Ich habe Ihnen doch auch die anderen Strophen der Prophezeiung geschickt: Verdorrt einst des Midas gold’ne Hand, / Kommt Krieg bald ins Prophetenland. / Zuvor des Tempels neue Mauern, / Brechen in furchtbaren Feuerschauern. / Länder stürzen in Not und Tod. / Die Flüsse sind wie Blut so rot. / Doch da ist ein Mensch voll Kummer und Hohn, / Im Herzen des großen Sängers kleiner Sohn. / Greift er ein in der Titanen Ringen, / Dann könnt’ er vielleicht noch Erlösung bringen. / Er trägt der Engel scharfes Schwert, / Und durchquert das Chaos unversehrt.« Er macht eine Pause. »Mein Freund und ich haben vor einigen Jahren bei einer Investmentgesellschaft namens Midas gearbeitet. Sie ist inzwischen liquidiert. Was bedeuten diese Zeilen also wirklich?«

Madame Murrant denkt eine Weile nach. Schließlich legt sie eine Hand auf meinen Unterarm, beugt sich zu mir hin und sagt: »Wenn Sie der sind, auf den sich diese Reime beziehen, dann gehen Sie. Schnell. Nach London. Zu Madame Babette. Eine Kollegin von mir. Sie kennt sich in diesen Fragen besser aus als ich.« Sie schlägt das Nostradamus-Heftchen auf, markiert eine Adresse und steckt es mir in die Sakkotasche. Dann verabschiedet sie sich hastig.

»Sag mal, du glaubst doch nicht wirklich an diese Prophezeiung?«, frage ich Fjodor, als sie weg ist.

Er hebt die Hände.

In diesem Augenblick klingelt mein Handy. Die Anwälte aus Frankfurt. Rückkehr dringend notwendig. Eröffnung des Insolvenzverfahrens am Freitag. Für London bleibt uns also keine Zeit. Nicht einmal mehr für Paris. Ich lege auf und bestelle die Rechnung.

Fjodor sieht mich fragend an.

»Ein Teil der Prophezeiung hat sich gerade erfüllt«, sage ich. »Gar furchtbar klingen sie überall, / schwarze Posaunen mit dunklem Schall!« Die einzige Tür, die sich für mich an meinem Geburtstag und Morrisons Todestag öffnet, ist ausgerechnet jene der Abwicklung unseres Fonds.

Samstag, 21. Juli 2001, Frankfurt

Hope our little world will last

Es ist ein heißer Julitag, der schon nach August riecht – trocken und staubig und ein wenig nach Heu. Nach einer Woche Regen ist der Hochsommer vor einigen Tagen plötzlich und mit aller Macht über Frankfurt hereingebrochen. Die Balkontüren stehen offen. Die Gardinen flattern im leichten Luftzug. Fjodor und ich stehen in der Küche, die mich ein kleines Vermögen gekostet hat: Metallisch glänzende Oberflächen, Drei-Sterne-Herd mit Induktionskochfeldern, japanisches Messer-Set, Kühlschrank in Kleinwagengröße mit einer Außenseite aus gebürstetem Stahl und einer Einbuchtung für die Eiswürfel. Das Ganze erinnert ein bisschen an ein Forschungslabor der NASA und ist so schick und sauber, dass ich immer ein schlechtes Gewissen habe, wenn ich wirklich einmal koche.

Mascha, die am Vorabend aus London gekommen ist, döst mit einer kühlenden Gesichtsmaske auf dem Sofa. Unsere Wiedersehensfeier ging bis vier Uhr in der Früh. Mascha hat zwar gut und gerne zehn Kilo zugelegt, aber sie ist nicht fett geworden, wie ihr Ex-Mann behauptet hat, eher weiblicher und ein wenig mütterlich. Die neuen Rundungen stehen ihr gar nicht schlecht. Und ihre Bosheit, nun, die ist schon immer Teil ihrer Faszination gewesen.

Im Fernsehen läuft die Berichterstattung über den G8-Gipfel in Genua. Im Palazzo Ducale tagen abgeschirmt von einer Armee von Polizisten die Führer der sieben mächtigsten Industrienationen. Draußen Ausnahmezustand. Protestierende Menschen und hochgereckte Fäuste. 200.000 Menschen auf der Straße. Dritte-Welt-Organisationen, Vereinigungen für Schuldenerlass, Umweltgruppen, Gewerkschaften, christliche Nord-Süd-Initiativen. Hunderte von Verhaftungen. Die Gutmenschen haben der Globalisierung den Krieg erklärt. Und weil die Globalisierung keine Anschrift hat, bekämpfen sie stattdessen ihre politischen Symbole: G8, IWF, Weltbank, WTO.

Welch großartiger Starrsinn! Welch grandiose Weltabkehr! Welch grausame Verschwendung! Überall die gleiche Wut, die gleichen Parolen, die gleichen Menschen. Unwillkürlich muss ich mich fragen, wann ein wütender Mob einmal das Frankfurter Westend stürmt. Sie haben doch einen gemeinsamen Feind und der hockt hier in der Siesmeyerstraße. Das Omega-Team der Midas beim Henkersmahl, schön klassenfeindlich angerichtet auf hundertzwanzig Quadratmetern Eichenparkett im Stilaltbau. Aber was haben die Demonstranten zu bieten, außer auswegloser Entrüstung? Wohlstand ohne Wachstum? Ein Traum. Wachstum ohne Kapital? Eine Utopie. Kapital ohne Kapitalisten? Ein Unfug. Wohlstand ohne Kapitalisten? Sehr deutsch. Aber es ist nun einmal so: Im Märchen von der sozialen Marktwirtschaft lauert immer irgendwo der böse Wolf des Kapitalmarkts.

Seit gestern ein Demonstrant von der Polizei erschossen wurde, ist die Stimmung in Genua jedenfalls auf dem Siedepunkt. Und bei uns auch. Der Vergleich, den unsere Anwälte in Sachen Pequod ausgehandelt haben, wird mich finanziell ruinieren und mir mindestens vier Jahre Berufsverbot einbringen. Doch das erscheint mir immer noch besser, als auf unabsehbare Zeit von Gläubigern, Anlegern und der Staatsanwaltschaft vor Gericht gezerrt zu werden. Das Geld schmerzt zwar, aber Geld kommt und geht nun einmal, wann und wie es will – es lohnt nicht, sein Herz daran zu hängen. Was mir wirklich wehtut, ist das Berufsverbot. Das fühlt sich an wie eine unehrenhafte Entlassung aus der Armee, wenn man vorher in einer Elitetruppe gekämpft hat.

Wenigstens ist es mir gelungen, Fjodor weitgehend aus dieser Sache rauszuhalten. Das erscheint mir nur fair. Seit der Absturz des Neuen Marktes im März begann, hat er mich erst gefragt, dann gebeten und schließlich geradezu angefleht, die Pequod zu liquidieren, solange sie noch genug Masse hat. Aber ich kann ein Spiel ja nie lassen, bis ich den ganzen Einsatz verloren habe. Fjodor hat leider inzwischen ganz eigene, neue Sorgen. Kurz nach unserer Rückkehr aus Paris ist aus heiterem Himmel in New York eine Untersuchung wegen Insiderhandels während seiner Zeit bei der Midas eröffnet worden. Bei Mascha ist die Lage noch dramatischer. Sie ist in eine solche Anzahl von Gerichtsverfahren gegen ihren Ex-Mann und ihren Ex-Arbeitgeber verwickelt, dass sie schon den Überblick verloren hat. Sie hat sich nicht einmal getraut, ihre Tochter mit nach Frankfurt zu bringen – aus Angst, dass sie ihr an der Grenze weggenommen wird.

Überhaupt Mascha! Lässt drei Jahre lang so gut wie nichts von sich hören und schlägt dann völlig überraschend hier bei uns auf, weil Fjodor ihr von unserer Idee mit dem neuen Global Macro-Fonds erzählt hat. Sie ist einer dieser Menschen, die sofort die Kontrolle über einen Raum oder eine Situation übernehmen. Selbst mit einem dicken Schädel vom Sofa aus. »Es wird sich erst noch zeigen, welche Herrschaft mehr Opfer fordert: die Herrschaft der Arbeit oder die des Kapitals«, unkt sie düster, als sie die Gesichtsmaske abnimmt, sich aufrichtet und den Fernseher ausschaltet. Ausgerechnet Mascha!

»Sozialismus und Solidarität sind ja noch im Angebot, aber keiner will sie mehr kaufen. Nicht einmal als ideologischen Restposten mit Sonderrabatt«, sagt Fjodor, während er Gemüse und Schinken für eine Nudelsoße schneidet. Er macht das sehr professionell. Mit einer Geschwindigkeit, die mich immer um seine Finger fürchten lässt.

»Na euch beiden scheint ja die Sonne aus dem Arsch zu scheinen – so gut geht’s euch im Kapitalismus«, antwortet sie. So elegant und damenhaft wie sie aussehen kann, erschreckt man immer, wenn sie ordinär wird. Aber wenn sie das nicht könnte, hätte sie niemals überlebt in den Handelsräumen der Wall Street. Es gibt jenseits der Armee wohl keinen Kreis, der stärker von Männern dominiert wäre. Reines Testosteron. »Gestern Nacht hörte sich das noch anders an. Ihr steht doch mit dem Rücken zur Wand, ihr beide«, sagt sie.

»Die Pequod war eine gute Idee, Mascha. Wir haben einfach den falschen Zeitpunkt erwischt«, beharre ich und wasche etwas Salat.

»Die Pequod! Da stimmt schon der Name nicht«, sagt Mascha hämisch. »Wer bitte, nennt seinen Investmentfonds nach einem Schiff, und dann noch nach einem, das verflucht ist?«

Fjodor zeigt auf mich und sagt: »Kapitän Ahab.«

»Und warum eigentlich DIE Pequod, Wolf?«, bohrt Mascha weiter. »DIEPequod,DIE Midas, warum sprichst du von Investmentfonds immer in der weiblichen Person?«

Ich bin völlig baff, weil ich mir diese Frage nie gestellt habe. In meiner Vorstellung ist die Analogie zwischen einem Investmentfonds und einem Segelschiff völlig offensichtlich: Beide werden gebaut, um bei gutem Wind schnell zu segeln und um im Sturm den Elementen zu widerstehen. Als Händler oder Anleger heuert man für eine ungewisse Reise über die Ozeane der Märkte an – in der nur manchmal berechtigten Hoffnung auf die Reichtümer neuer Welten hinter dem fernen Horizont der Zukunft. Und was verfluchte Schiffe angeht: Hatte nicht vielleicht auch auf der Midas ein Fluch gelegen, der uns bis heute verfolgt?

Als ich das sage, springt Mascha fast vom Sofa. Sie hält das für völlig unsinnig. Der Markt ist Mathematik, Rendite eine Rechenformel und Erfolg ein Schachspiel. Ich sei naiv und kindisch. Und so geht es in einem fort. Unser Scharmützel endet erst, als Fjodor das Abendessen draußen auf dem Balkon serviert und sagt: »Mascha, jetzt möchte ich aber erst einmal wissen, ob du mit der Linken nur flirtest oder ob das eine ernste Sache ist.« Sie beantwortet die Frage zwar nicht, aber sie beruhigt sich und wir können mit einem leichten Weißwein den herrlichen Sommerabend genießen. Um uns herum leuchten leicht beschattet von hohen, alten Bäumen die prächtigen herrschaftlichen Fassaden der Gründerzeithäuser. Unten auf der Straße schlendern und lachen die Menschen. Ein paar junge Frauen auf dem Fahrrad – wahrscheinlich auf dem Rückweg vom Picknick im Grüneburgpark – kommen mir in ihren wunderbar leichten und bunten Sommerkleidern vor wie Vögelein, die hell zwitschernd und flötend an unserem Balkon vorbeifliegen. Für ein, zwei kostbare Stunden ist unser Leben schwerelos und leicht.

Fjodor öffnet gerade die dritte Flasche Weißwein, als Mascha plötzlich auf seine Frage vom Anfang unseres Essens antwortet. »Wisst ihr, Jungs, mir geht es nicht um Ideologie. Ich denke einfach, dass das System falsch ist.«

Die Flasche öffnet sich mit einem wohligen Plopp. »Ach so, das System ist also falsch«, lächelt Fjodor. »Und deine Millionen, die sind dann auch falsch?«

»Ja«, sagt Mascha, ohne auch nur eine Sekunde zu zögern.

Kopfschüttelnd schenkt Fjodor den Wein aus. »Mascha, du hast dich mit einem Banker und einer Bank verkracht. Und zwar wegen einer persönlichen Angelegenheit. Deshalb ist nicht gleich das System falsch.«

»Fjodor hat recht, Mascha«, pflichte ich ihm bei. »Du kennst doch den Spruch: Wer mit zwanzig kein Revolutionär war, hat kein Herz, wer es mit vierzig noch ist, hat keinen Verstand.«

Sie schüttelt den Kopf. »Was ist, wenn es für unsere Generation genau anders herum ist? Wenn wir einfach in der Jugend der Versuchung der Kapitalmärkte erlegen sind und nun mit dem Wissen um ihre Zerstörungskraft gegen sie kämpfen müssen?«

Fjodor sieht ihr direkt in die Augen. »Also, was ist dein Plan? Oder führen wir hier eine rein politische Diskussion?«

»Ich will die Wall Street vernichten«, sagt Mascha bestimmt.

Fjodor grinst. »Und mit wem? Mit den 200.000 von Genua? Glaubst du ernsthaft, das reicht?«

»Ich brauche keine 200.000. Ich brauche nicht einmal 100.000, 10.000 oder 1.000«, sagt sie. »Ich brauche nur vier Personen und vier Milliarden Dollar.«

Fjodor klopft sich auf die Schenkel und lacht.

Mascha bleibt ernst. »Das Omega-Team der Midas, Fjodor und vier Milliarden Dollar um den Faktor 250 gehebelt. Damit brenne ich dir das westliche Bankensystem herunter bis auf seine Grundmauern und serviere dir die Köpfe der Bankmanager auf einem Silbertablett.« Sie betrachtet den Himmel. Der Sonnenuntergang färbt das aufziehende Gewitter mit dramatischen Gelb- und Rottönen. »Ich will nicht nur Rache, ich will Krieg.«

Fjodor hört auf zu lachen. »Du spinnst, Mascha,« sagt er. »Ich dachte immer, Wolf und ich wären bekloppt. Aber du spinnst wirklich.«

Bei jedem anderen Menschen hätte ich Fjodor zugestimmt. Bei Mascha kann ich das nicht. Sie ist nicht ideologisch, aber sie ist konsequent bis hin zur Radikalität. Nach dem Fall der Mauer und dem Niedergang der Sowjetunion hat sie den Kommunismus ebenso radikal verworfen wie sie sich dem Kapitalismus zugewandt hat. Sie ist Mitte der Neunziger mit derselben glühenden Begeisterung in New York Bankerin geworden wie fünfzehn Jahre zuvor in Moskau junge Pionierin. Sie hat ihr Leben vollkommen dem Geschäft gewidmet. Und jetzt hat sich das neue System gegen sie gestellt. Ihre Karriere ist vernichtet, ihr Haus ausgeräumt und ihre Tochter bedroht. Mascha ist in die Enge getrieben. Und in dieser Situation ist sie gefährlicher als die russische Atom-U-Bootflotte mit all ihren Trägerraketen und Nuklearsprengköpfen.

Nachdem die beiden gegangen sind, liege ich noch lange wach. Ein Donner nach dem anderen rollt über die Stadt. Dann rauscht das Unwetter auf Frankfurt nieder. Der Regen trommelt gegen das Schlafzimmerfenster. Ich lausche, wie die Tropfen auf dem Glas und dem Fenstersims zerspringen. Anfangs höre ich ihren Aufprall als akustisch exakt abgrenzbare Einzeltöne, dann wird ein rhythmisches Geplatter daraus und mit der Zeit verschwimmt auch das und verwandelt sich in ein gleichmäßiges Rauschen. Und dann später, als ich endlich dem Schlaf entgegendrifte, scheint es mir, als sei es gar nicht das Rauschen und Glucksen des Wassers, das ich da höre, sondern das Geld, das über die Stadt hereinbricht wie eine Sintflut.

Geld ist wie Wasser. Es findet immer seine Wege, seine Aus- und Umwege: tröpfelt auf Nummernkonten, fließt in Investitionen, rauscht wie der Monsun über einer Wachstumsbranche nieder, verdunstet in den Aktienmärkten, verschwindet im Untergrund der Steueroasen, taucht Gold in neuen Glanz, nieselt leise und durchdringend wie ein englischer Landregen auf die Anleihemärkte nieder und überschwemmt Schwellenländer, nur um über Nacht wieder auf Schweizer Konten zu versickern. Es schläft nicht, es ist nicht gut oder böse, es ist einfach da. Und jetzt gerade überflutet es Frankfurt. Und in einem letzten schwebenden Moment vor der Dunkelheit habe ich das Gefühl, dass es auch mich hinwegträgt. Hinaus auf die endlosen Meere der Märkte und hin zu einem dunklen Strudel, der alles verschlingt, was in seine Nähe kommt.